Erwin Schrott © Roland Wimmer Photography
Opern-Weltstar Erwin Schrott über die Kraft der Musik, besondere Abende in Linz und die Kunst, die ihm abseits der Bühne Ruhe gibt.
Seit ich vor vielen Jahren Erwin Schrotts Interpretation von „Gracias a la Vida“ gehört habe, hat mich seine Stimme nicht mehr losgelassen. Umso erstaunlicher ist es, dass es bis heuer dauerte, bis ich den Opernstar erstmals live erlebte. Bei „Klassik am Dom“ in Linz präsentierte der uruguayische Bassbariton am 16. Juli sein neues Programm „Havana Nocturna“ und bescherte mir mit seiner unverwechselbaren Stimme, aber auch mit seiner erstaunlich nahbaren, sympathischen Art Gänsehautmomente – eine Mischung aus großer Bühnenpräsenz und spürbarer Demut. Im Gespräch über Oper, Österreich, Linz und die Frage, was Kunst im besten Fall in uns auslösen kann, zeigte sich Schrott ebenso reflektiert wie leidenschaftlich.
Sie sind auf den großen Opernbühnen der Welt zu Hause und leben seit vielen Jahren in Wien. Was bedeutet Österreich heute für Sie persönlich?
Erwin Schrott: Mein Leben gehört nicht nur einer Stadt. Montevideo, München, Hamburg, Mailand, Wien, Berlin – jeder Ort steht für eine andere Seite von mir. Ich habe aufgehört, all das auf eine einzige Heimat reduzieren zu wollen.
Österreich bedeutet für mich vor allem einen Maßstab. In Wien begegnet man einer Musikkultur, die tief im Bewusstsein der Menschen verankert ist. Das Publikum hört nicht nur zu, es hört mit Geschichte im Hintergrund. Diese Erwartung kann belastend sein, aber sie kann einen auch besser machen. Mich hat sie präziser, selbstkritischer und anspruchsvoller gemacht. Österreich ist für mich deshalb weniger Heimat als Disziplin.
Im Juli waren Sie für „Klassik am Dom“ in Linz – das war nicht Ihr erstes Mal. Welche Erinnerungen oder Eindrücke verbinden Sie mit Oberösterreich?
Linz hat eine Qualität, die ich sehr schätze: Die Stadt inszeniert sich nicht. Wien weiß, dass es Wien ist. Mailand weiß, dass es Mailand ist. Linz hat eine ernsthafte Musikkultur und ein aufmerksames Publikum, ohne daraus großes Aufheben zu machen. Diese Ehrlichkeit finde ich sehr anziehend.
Besonders der Domplatz ist mir in Erinnerung geblieben. In einem Raum aufzutreten, der ursprünglich für Kontemplation und Weite geschaffen wurde, verändert das eigene Spiel. Man spürt, dass der Ort größer ist als der einzelne Abend. Und das erinnert einen daran, dass es bei der Kunst nicht um einen selbst geht.
Dieser Juli unterscheidet sich grundlegend von allen vorherigen Besuchen, denn zum ersten Mal komme ich nicht als Interpret einer fremden Vision, sondern als Schöpfer meines eigenen Werkes. „Havana Nocturna“ habe ich von Grund auf selbst entwickelt – das Konzept, das Repertoire, den theatralischen Bogen, die musikalischen Kombinationen. Dies auf einer Bühne wie „Klassik am Dom“ zu präsentieren, ist etwas ganz anderes, als die Rolle des Mephistopheles oder Don Giovanni zu verkörpern. Bei einer Rolle kann man, wenn etwas nicht funktioniert, den Charakter analysieren. Bei der eigenen Kreation gibt es kein Versteck.
Was macht für Sie den Reiz aus, an Orten wie dem Linzer Domplatz aufzutreten, wo Musik und besondere Kulisse aufeinandertreffen?
Opernhäuser sind perfekte Räume für Klang. Freiluftbühnen dagegen sind uns gegenüber gleichgültig – und genau das macht ihren Reiz aus. Auf einem Platz wie in Linz, unter freiem Himmel und umgeben von jahrhundertealtem Stein, reicht Technik allein nicht. Die Stimme muss etwas Echtes transportieren, weil der Raum jede Leere sofort sichtbar macht.
Gleichzeitig haben solche Orte etwas Demokratisches. Der Domplatz gehört der ganzen Stadt. Vielleicht bleibt jemand auf dem Heimweg zufällig stehen und hört zu. Dass Musik auch Menschen erreichen kann, die gar nicht nach ihr gesucht haben, finde ich besonders schön.
Ich bin in den renommiertesten Konzerthäusern der Welt aufgetreten und kann Ihnen sagen, dass einige meiner ehrlichsten Momente als Künstler im Freien waren. Es waren Orte, die alles forderten und nichts versprachen.
Kunst muss nicht immer Antworten geben. Sie darf auch etwas in Bewegung bringen.
Erwin Schrott
Sie haben die Welt bereist und viele Kulturen kennengelernt. Was zeichnet Österreich für Sie besonders aus?
Was ich an Österreich besonders schätze, ist die Ernsthaftigkeit, mit der hier über Kunst gesprochen wird. Gerade in Wien diskutiert man weniger über Erfolg oder Prestige und darüber, wer bei der Premiere anwesend war, als darüber, ob eine Interpretation wirklich etwas über ein Werk erzählt. Ob ein Sänger verstand, was er sang, oder einfach nur einen schönen Klang erzeugte.
Bemerkenswert finde ich, dass diese Gespräche nicht nur unter Fachleuten stattfinden. Ich habe hier mit Ärzten, Architekten oder Ingenieuren sehr tief über Musik gesprochen. Diese selbstverständliche, anspruchsvolle Auseinandersetzung mit Kunst würde mir fehlen.
Viele Menschen glauben, Oper sei nur etwas für Kenner. Was würden Sie jemandem sagen, der noch nie in der Oper war?
Ich würde sagen: Bereiten Sie sich nicht zu sehr vor. Lesen Sie nicht dreimal die Inhaltsangabe und glauben Sie nicht, alles verstehen zu müssen. Gehen Sie einfach hin und lassen Sie die Oper auf sich wirken. Denn Oper ist zunächst etwas Körperliches: Man spürt sie im Brustkorb. Und das ist keine Metapher, sondern akustische Physik. Eine große Stimme in einem resonanten Raum spürt man, bevor man sie intellektuell begreift.
Gleichzeitig erzählt Oper von sehr unmittelbaren Dingen: Liebe, Verlust, Ehrgeiz, Treue. Sie nimmt diese Gefühle mit einer Ernsthaftigkeit, für die im Alltag oft wenig Raum bleibt. Genau darin liegt ihre Kraft.
Was wünschen Sie sich, dass die Besucher Ihrer Konzerte nach einem Abend mit Ihnen mit nach Hause nehmen?
Ich wünsche mir, dass etwas Unaufgelöstes bleibt. Das Wertvollste, was Kunst bewirken kann, ist nämlich, einen mit einer Frage zurückzulassen, die man beim Betreten des Saals noch nicht mit sich getragen hat. Keine Antwort, keine Lektion, kein Gefühl, das sich sofort einordnen und ablegen lässt, sondern eine Irritation der eigenen Sichtweise. Kunst muss nicht immer Antworten geben. Sie darf auch etwas in Bewegung bringen.
Wenn jemand nach einem Konzert nicht nur an die Stimme denkt, sondern an eine Beziehung, eine Entscheidung oder ein Gefühl, dann ist etwas passiert. Gleichzeitig braucht jeder Mensch an einem Abend etwas anderes. Manchmal ist es einfach wichtig, einen Raum zu haben, in dem Gefühle erlaubt sind. Genau diese Erlaubnis kann Oper geben.
Sie verkörpern auf der Bühne Menschen in Extremsituationen: Liebe, Verlust, Eifersucht, Hoffnung. Beeinflusst Sie das auch persönlich? Was haben Sie durch diese Rollen über das Menschsein gelernt?
Die Rollen haben mich gelehrt, dass der Abstand zwischen extremem menschlichem Verhalten und unserem Alltag kleiner ist, als wir glauben. Figuren wie Mephistopheles, Scarpia oder Don Giovanni sind keine Monster, auch ihr Handeln folgt einer inneren Logik. Oft versuchen sie, etwas zu schützen, dessen Verlust sie fürchten: Macht, Liebe, Freiheit oder Identität. Das hat mich gelehrt, weniger schnell zu urteilen und stärker danach zu fragen, was einen Menschen antreibt. Und natürlich beeinflusst mich das persönlich. Man kann nicht einen Abend lang Trauer, Wut oder Besessenheit verkörpern und all das anschließend einfach an der Bühnentür ablegen. Der eigene Körper und die eigenen Emotionen sind schließlich das Instrument.
Was mir am stärksten geblieben ist, ist dies: Jede Figur, die ich je gespielt habe, versucht – ganz gleich, wie viel Zerstörung sie anrichtet –, an etwas festzuhalten, dessen Verlust sie fürchtet. Macht, Liebe, Freiheit, Identität – die konkreten Dinge unterscheiden sich, aber die Angst darunter bleibt dieselbe. Wenn man sich über eine so lange Karriere hinweg immer wieder ernsthaft damit auseinandersetzt, verändert das auch den Blick auf die Menschen im alltäglichen Leben. Ich urteile heute weniger schnell als früher. Nicht, dass ich gegenüber Grausamkeit toleranter geworden wäre – diese Unterscheidung ist mir wichtig –, aber ich bin neugieriger auf ihre innere Architektur. Was versucht dieser Mensch zu schützen? Wovor hat er Angst? Diese Fragen, zu denen einen die Rollen immer wieder zwingen, erweisen sich letztlich als die hilfreichsten Fragen in nahezu jeder menschlichen Situation.
Ihr Beruf bringt viel Reisen mit sich. Wo finden Sie im Alltag Ruhe und Ausgleich?
Beim Malen. Für mich ist das längst mehr als ein Hobby, es ist eine ernsthafte künstlerische Praxis, der ich mit derselben Konsequenz nachgehe wie der Musik. Ich arbeite großformatig und mit Materialien wie Impasto, Gips oder Gesso. Diese Arbeit ist vollkommen anders als das Singen, darin liegt für mich ihr Reiz. Auf der Bühne richtet sich alles nach außen: Der Klang muss bis in die letzte Reihe tragen, die Intention muss unmittelbar verständlich sein. Beim Malen ist es umgekehrt. Es ist ein Gespräch zwischen mir und der Oberfläche, ohne Publikum, ohne Akustik, ohne jemanden, den ich überzeugen muss. In dieser produktiven, fordernden Einsamkeit finde ich etwas, das der Stille nahekommt.
Mich fasziniert außerdem die Beständigkeit. Eine Aufführung vergeht, ein Gemälde bleibt. Nach einem Leben in einer Kunstform, die ihrem Wesen nach flüchtig ist, bedeutet es mir viel, etwas zu schaffen, das bleibt.
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