Tamara Flores mit den Händen vor der Kamera

Tamara Flores: Die Latin-Grammy-Nominierte über die Realität hinter ihrem Erfolg

Selbstbewusst auf der Bühne, selbstkritisch danach

5 Min.

© Marko Mestrovic

„Jesus Christ, wie viele Kübel ich schon geweint habe“, sagt Tamara Flores und lacht. Heute scheint die österreichisch-mexikanische Musikerin ihrem großen Traum näher zu sein als je zuvor. Sie spielt große Festivals, arbeitet mit internationalen Künstler:innen zusammen und wurde gerade für einen Latin Grammy nominiert. Kurz: Tamara Flores erlebt aktuell den Moment, auf den sie jahrelang hingearbeitet hat.

Nach plötzlichem Erfolg klingt das allerdings nur, wenn man die Jahre davor ausblendet. Jahre, in denen Flores neben der Musik als Barkeeperin und Tanzlehrerin arbeitete, ihre Releases selbst plante und nie wusste, ob sich all die Zeit, das Geld und die Energie irgendwann auszahlen würden. Aufgegeben hat sie trotzdem nie. Dafür brauchte es vor allem eines: einen sehr, sehr langen Atem. Im Interview wird klar: Ankommen bedeutet nicht, plötzlich nicht mehr zu zweifeln.

Tamara Flores im Interview

Bei dir scheint sich gerade einiges zu verändern. Bist du in dieser neuen Realität schon angekommen?

Tamara Flores: Es verändert sich gerade komplett. Ich habe das Gefühl, seit dem Release von „Chingona“ ist extrem viel ins Rollen gekommen. Jetzt ist es wunderschön, auf Festivals zu spielen und mit Menschen Musik zu machen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich einmal mit ihnen arbeiten würde. Langsam komme ich in dieser neuen Realität an, aber teilweise fühlt es sich immer noch sehr absurd an. Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl: Damn, okay, es hat sich ausgezahlt.

Glaubst du, dass Leute von außen unterschätzen, wie lang dieser Weg tatsächlich war?

Ja, das Gefühl habe ich manchmal schon. Von außen wirkt es oft, als würde von einem Tag auf den anderen alles funktionieren. Als wäre es einfach passiert. Aber der Weg dorthin war unglaublich lang. Ich habe jahrelang an meinem Sound gearbeitet und unzählige Jobs gemacht. Man möchte eigentlich nur Musik machen, aber plötzlich bist du gleichzeitig Managerin, PR-Agentin und Buchhalterin.

Porträt von Tamara Flores
© Marko Mestrovic

Wer dich auf der Bühne erlebt, sieht eine sehr selbstbewusste Künstlerin. Wie sieht es aus, wenn die Show vorbei ist?

Nach der Show kommen die Selbstzweifel oft ziemlich schnell zurück. Dann denke ich: Ich hätte noch mehr Gesangsunterricht nehmen müssen. „Chingona“ ist ein sehr selbstbewusster Song. Oft schreibe ich solche Songs auch, weil ich mich genau so fühlen möchte. Es kommt einfach in Phasen. Manchmal fällt es leichter und manchmal sind diese Gedanken wieder lauter. Wenn man die ganze Zeit nur denkt: Ich bin super, dann stimmt vielleicht auch irgendetwas nicht (lacht).

Die Musikbranche ist schnelllebiger denn je. Wie gehst du mit dem Druck um, ständig abliefern zu müssen?

Ich finde es schade, dass in der Musikindustrie mittlerweile alles so schnelllebig geworden ist. Man hat das Gefühl, ständig neuen Output liefern zu müssen. Gerade jetzt, wo zusätzlich so viele KI-generierte Songs erscheinen, steckt man sein ganzes Herz in einen Song und manchmal ist man einfach blockiert. Wir sind keine Maschinen. Überraschung. Die Person, die sich den Druck macht, bin ausschließlich ich selbst. Dann versuche ich, diesen Gedanken kurz Raum zu geben und mich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Du singst mittlerweile hauptsächlich auf Spanisch. War das eine bewusste Entscheidung auf der Suche nach deiner Identität als Künstlerin?

Ich hatte zuvor ein englischsprachiges Soloprojekt. Mit Tamara Flores habe ich bewusst ein neues Kapitel gestartet und mich entschieden, hauptsächlich auf Spanisch zu schreiben. Ich habe heute das Gefühl, viel klarer zu wissen, was ich möchte. Beim Popfest im Sommer war ich an dem Tag auf der Seebühne die Einzige, die in einer anderen Sprache gesungen hat. Da denkt man sich natürlich kurz: Wird das Publikum meine Musik annehmen? Aber es war wunderschön. Selbst wenn Menschen die Lyrics nicht verstehen, hoffe ich, dass ich als Performerin eine Emotion transportieren kann. Wenn diese ankommt, ist mein Herz happy.

Gab es auf dem Weg hierher Momente, in denen du wirklich daran gezweifelt hast, weiterzumachen?

Jesus Christ, wie viele Kübel ich schon geweint habe. Ich habe mich oft gefragt: Fuck, was mache ich hier eigentlich? Ich gebe so viel Geld dafür aus und weiß nicht, ob jemals etwas davon zurückkommen wird. Es gibt keine Garantie. Alle anderen Menschen haben konkrete Zukunftspläne und ich halte immer noch an diesem einen Traum fest. Gleichzeitig ist es wichtig, Pausen zu machen. Sobald man die Dinge, die man tut, nicht mehr liebt, ist es vorbei.

Was macht für dich heute einen echten, ehrlichen Song aus?

Dass man nicht darüber nachdenkt, ob etwas den Menschen gefallen wird. Man spürt es bei Künstler:innen, wenn sie für andere schreiben und nicht aus sich selbst heraus. Die Musik muss wirklich aus dem eigenen Leben kommen. Es ist schön, wenn andere damit connecten können. Und wenn nicht, ist das auch okay.

Gibt es einen Traum, den du dir in den nächsten Jahren unbedingt erfüllen möchtest?

Ich bin bei Zukunftswünschen immer sehr vorsichtig. Ich möchte solche Dinge eigentlich erst aussprechen, wenn sie sich erfüllt haben. Aber mein absoluter Traum ist es, in Mexiko zu spielen. Vor allem dort, wo meine Mutter herkommt und ein Teil meiner Familie lebt, in Xalapa.

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