Sarah Pfaffeneder

Sarah Pfaffeneder: “Wir sind eine Frau”

Die Linzer Lehrerin und Buchautorin Sarah Pfaffeneder im Interview.

6 Min.

Feminin, ehrlich, maskenlos. © Victoria Schuster

Als Sarah Pfaffeneder im Wartezimmer zur Mammografie saß, wurde ihr eine Statistik bewusst, die sie nicht mehr losließ: Jede achte bis neunte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Sie beobachtete die Frauen um sich herum, zählte durch und dachte: „Rein statistisch wird es eine von uns treffen.“ Dieser Moment war für die zweifache Mutter aus Ottensheim nicht nur erschütternd, sondern auch prägend. Es war der Auslöser für ihren Roman „Wir sind eine Frau“, in dem die Autorin und Lehrerin für Deutsch und Englisch an einem Linzer Gymnasium die unsichtbaren und oft übersehenen Aspekte des Frauseins beleuchtet. Von Kindsverlust über Depression bis hin zu internalisierter Misogynie (Frauenfeindlichkeit, Anm.) – 
Sarah Pfaffeneder schafft ein Werk, das berührt, aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Im Interview spricht die 37-Jährige über die Herausforderungen moderner Frauenrollen, hinterfragt gesellschaftliche Erwartungen und erläutert, warum wir hart erkämpfte Frauenrechte bewahren müssen und auf dem Weg zu Gleichberechtigung noch nicht fertig sind.

Sarah Pfaffeneder im Interview

Nach Ihrem ersten Buch, einem Jugendroman, nun ein feministischer Roman über das Frausein, der auch tiefgreifende Thematiken wie Brustkrebs, Kindsverlust und Depression behandelt. Was hat Sie dazu bewegt, diese Aspekte in den Mittelpunkt zu stellen?
Für mich war es wichtig, das alltägliche Frausein zu dokumentieren. Frauen sind oft die Verbinderinnen, die am-Leben-Erhalterinnen, und so viel passiert unsichtbar. Das hat mich geärgert. Es sind diese kleinen Dinge, die eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Familie am Laufen halten. Und dann gibt es Themen wie Brustkrebs, die durch den Rost fallen, obwohl sie so viele betreffen. Ich wollte das alles aufgreifen, weil ich finde, dass diese Aspekte mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Im Buch geht es um tägliche Erwartungshaltungen an Frauen und es reflektiert Rollenbilder. Welche persönlichen Erfahrungen, Gespräche oder Beobachtungen haben Sie dazu inspiriert?
Ich habe gemerkt, wie viele Frauen in meinem Umfeld sich öffnen, wenn man ehrlich ist. Als ich Mama geworden bin, wurde mir bewusst, wie stressig dieses ständige Vergleichen unter Frauen ist – wer isst am meisten bio, wer macht alles perfekt? Ich wollte das stoppen. Es ist wichtig, dass Frauen sich gegenseitig stärken, statt sich auszubooten. Ich habe Freundinnen, die Kindsverlust erlebt haben oder unglücklich schwanger waren – Themen, die oft tabuisiert werden. Solche Erfahrungen und Gespräche haben mich inspiriert, diese Realität im Buch abzubilden.

Als ich Mama geworden bin, wurde mir bewusst, wie stressig dieses ständige Vergleichen unter Frauen ist – aber wer macht schon alles perfekt?

Sarah Pfaffeneder

Was unterscheidet das Frausein heute von der Generation unserer Mütter?
Ich glaube, unsere Mütter und Großmütter haben unglaublich viel geleistet, aber wir dürfen nicht stehen bleiben. Früher mussten Frauen in Österreich bis in die 70er Jahre ihre Ehemänner fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Heute haben wir mehr Möglichkeiten, aber es gibt immer noch viele Ungerechtigkeiten. Zum Beispiel sterben Frauen häufiger bei Autounfällen, weil Crashtest-Dummys auf männliche Körper eingestellt werden. Oder die Forschung zu Endometriose und Menopause wird weniger gefördert als jene zu Erektionsstörungen. Das zeigt, wie stark Frauenkörper immer noch marginalisiert werden. Wir müssen weiterkämpfen, damit Gleichberechtigung nicht nur ein Schlagwort bleibt.

Der Begriff „Feminismus“ ist in unserer Gesellschaft nicht immer positiv behaftet. Was bedeutet Feminismus für Sie?
Feminismus ist für mich Gleichberechtigung. Es geht darum, dass Frauen Zeit und Raum haben, zu wirken. Ich finde es wichtig, dass wir die Geschichte neu erzählen – zum Beispiel wie im Film ‚Hidden Figures‘, wo Schwarze Frauen gezeigt werden, die für die NASA gearbeitet haben. Feminismus hat uns so viel gebracht: das Wahlrecht, die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten, Bildung. Ohne Feministinnen wären wir nicht da, wo wir heute sind. Aber wir sind noch nicht fertig.

Frauen bleibt oft das Gefühl, mehreren Rollen gleichzeitig gerecht werden zu müssen: Erfolgreich im Beruf, präsent in der Familie und das alles mit jeder Menge Leichtigkeit. Welches Zeugnis stellen Sie dem Frausein in unserem Zeitalter aus?
Frauen sind unglaublich resilient und stark. Aber sie müssen so viel aushalten. Es ärgert mich, wie oft Frauen auf ihren Körper reduziert werden. Unsere Körper sind sexualisiert, bewertet, und das ist schade. Ich möchte für das gesehen werden, was ich geleistet habe, und nicht, wie mein Körper zufällig aussieht. Es ist schwierig, sich von diesen gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen, aber wir sollten uns bewusst machen, dass wir mehr sind als diese äußeren Bilder.

Sie setzen Sprache sehr bewusst und pointiert ein. Ein prägender Satz im Buch ist unter anderem „Weil Sprache Wirklichkeit schafft.“ Geht es Ihnen genau darum?
Ja, absolut. Sprache ist ein Werkzeug, eine Waffe, und man muss schauen, wie man sie einsetzt. Worte bedeuten mir unglaublich viel. Sie können prägen, verletzen, aber auch heilen. Ich glaube, dass wir durch Sprache die Welt verändern können. Deshalb achte ich sehr darauf, wie ich Worte in meinem Buch und generell in meinem Alltag einsetze.

Ob zuhause oder in der Schule: Es geht mir auch darum, welches Frauenbild wir unseren Kindern vermitteln wollen.

Sarah Pfaffeneder

Was wünschen Sie sich, dass man sich aus der Lektüre mitnimmt?
Dass wir uns öffnen dürfen, ehrlich sein dürfen, ohne Angst vor Bewertung. Ich möchte, dass mein Buch die Freundin ist, die man vielleicht gerade nicht hat – eine, die Verständnis und Trost bietet.

Worauf spielt der Titel „Wir sind eine Frau“ an?
Der Titel soll das Kollektiv darstellen. Es geht nicht um eine einzelne Frau, sondern um uns alle. Ich wollte Rollenbilder oder Lebenswege nachzeichnen, die exemplarisch zeigen, wie vielfältig das Frausein ist.

Wieviel Lehrerin steckt im Buch und welche Werte oder Denkansätze wollen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln?
Ob zuhause oder in der Schule: Es geht mir auch darum, welches Frauenbild wir unseren Kindern vermitteln wollen. Ich möchte meinen Schülerinnen und Schülern zeigen, dass sie Platz einnehmen dürfen und nichts weglächeln müssen. Es ist wichtig, dass sie lernen, kritisch zu denken und sich nicht von patriarchalen Strukturen kleinhalten lassen. Ich spreche mit ihnen über Themen wie Täter-Opfer-Umkehr oder wie Frauen in der Literatur dargestellt werden. Es geht darum, dass sie ihre eigene Stimme finden und wissen, dass sie etwas bewirken können.

Ihr Buch wurde bereits auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Was bedeutet das für Sie? Wird es im Herbst Lesungen geben?
Die Leipziger Buchmesse war ein riesiger Schritt für mich. Es war überwältigend, einen eigenen Stand mit meinem Buch zu sehen. Ich musste erst einmal durchatmen, bevor ich es genießen konnte. Ja, im Herbst wird es Lesungen geben, und ich freue mich auf direktes Feedback. Es ist schön zu sehen, wenn Menschen lachen, weinen oder sagen, dass das Buch sie berührt hat. Das zeigt mir, dass es etwas bewirkt.

Buchtipp

Sarah Pfaffeneder Buchcover
© Palomaa Publishing

Wir sind eine Frau (Sarah Pfaffeneder). Vorgestellt auf der Leipziger Buchmesse, erschienen bei Palomaa Publishing, € 23,50

Lesungen:

Marie-Empfang am 8. September in Steyr

unschubladisierbar: vom 16. – 19. November, JugendService Campus (Spittelwiese 3, 4020 Linz)

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

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