Kinder am Handy: Scrollen bis zur Sucht
Schutz für Kinder oder Symbolpolitik? Was ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige bringen kann und wann Smartphone-Nutzung problematisch wird, erklärt Suchtexperte Dr. Kurosch Yazdi-Zorn.
© Shutterstock
Bildschirmzeiten von bis zu 18 Stunden täglich, Schlafprobleme, aggressives Verhalten und immer jüngere Betroffene: Die Auswirkungen von intensiver Handy- und Social-Media-Nutzung beschäftigen Experten zunehmend. Während die Bundesregierung ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige plant, sieht Suchtexperte Kurosch Yazdi-Zorn, Primar der Klinik für Psychiatrie am Neuromed Campus Linz, darin nur einen ersten Schritt. Im Interview erklärt er, warum bereits mehrere Stunden TikTok-Konsum problematisch sein können, woran Eltern eine beginnende Sucht erkennen und weshalb er bei Kurzvideo-Plattformen sogar eine Altersgrenze von 16 Jahren für sinnvoll hält.
Das Dok1-Handy-Experiment hat kürzlich gezeigt, dass manche Jugendliche Bildschirmzeiten von bis zu 18 Stunden täglich haben. Wie geht sich das überhaupt aus?
Dr. Kurosch Yazdi-Zorn: Tatsächlich haben wir solche Patienten auch bei uns in der Klinik. Bei Menschen, die eine Abhängigkeit von einem Online-Medium entwickelt haben, können solche Bildschirmzeiten vorkommen. Sie haben das Handy ständig bei sich und greifen bei jedem Signal danach. 18 Stunden täglich sind ein Extremfall, aber möglich.
Welche Folgen hat es, wenn man so viel Zeit am Smartphone verbringt?
Zum Glück sind solche Fälle selten. Die meisten Jugendlichen verbringen jedoch mehrere Stunden täglich vor Bildschirmen. Auch das ist zu viel, denn dadurch bleibt weniger Zeit für Bewegung, soziale Kontakte, Hobbys und ausreichend Schlaf. Eine weitere Folge ist das Phänomen des sogenannten „Brain Rot“.

Was versteht man unter „Brain Rot“?
Gemeint ist der ständige Konsum von Kurzvideos mit wenig Inhalt. Vereinfacht könnte man von einer Art „Verdummung“ sprechen. Kinder und Jugendliche verlieren deswegen oft das Interesse an früheren Hobbys, können sich schlechter konzentrieren und auch soziale Kompetenzen leiden, weil echte Erfahrungen zunehmend durch digitale ersetzt werden. Problematisch wird es zudem, wenn junge Menschen durch soziale Medien unrealistische Körperbilder oder aggressive Verhaltensweisen als normal wahrnehmen. Gleichzeitig kann die Motivation für Schule, Ausbildung oder andere wichtige Lebensbereiche deutlich sinken.
Warum lässt die Motivation dermaßen nach?
Motivation hängt eng mit unserem Belohnungssystem zusammen. Kurzvideos liefern laufend neue Reize und halten dieses System dauerhaft aktiviert. Dadurch wirken Schule, Hobbys oder andere Aktivitäten im Vergleich weniger attraktiv. Die Algorithmen lernen sehr genau, welche Inhalte einzelne Nutzer ansprechen, und liefern immer mehr davon. Jugendliche können dadurch Motivation für wichtige Lebensbereiche verlieren und dafür müssen sie noch nicht einmal süchtig sein. Schon mehrere Stunden täglicher TikTok-Konsum können dazu beitragen.
Ein Social-Media-Verbot sendet ein klares gesellschaftliches Signal, dass Kinder geschützt werden sollen.
Dr. Kurosch Yazdi-Zorn
Sie sind Suchtexperte. Wo verläuft die Grenze zwischen intensivem Smartphone- oder Social-Media-Gebrauch und einer Sucht?
Die Grenze zwischen intensivem Gebrauch und einer tatsächlichen Sucht ist fließend. Entscheidend sind vor allem der Leidensdruck und die Auswirkungen auf das tägliche Leben. Wenn Jugendliche ihr normales Leben nicht mehr bewältigen können, sprechen wir von einer Erkrankung. Häufig kommen Entzugserscheinungen hinzu – etwa wenn ein Jugendlicher massiv aggressiv wird, sobald das WLAN abgeschaltet wird. Doch auch wenn die offiziellen Kriterien einer Suchterkrankung noch nicht erfüllt sind, sollte man aufmerksam werden. Viel wichtiger als die Diagnose ist die Frage, ob das alltägliche Leben bereits beeinträchtigt wird. Verschlechtern sich die Schulleistungen, fehlt Schlaf, ziehen sich Jugendliche zurück oder kommt es immer wieder zu Konflikten in der Familie, sollten die Alarmglocken läuten.
Wie viele suchtkranke Kinder und Jugendliche sind aktuell in Ihrer Klinik in Behandlung – speziell wegen Smartphone- oder Social-Media-Nutzung?
In unserer Ambulanz haben wir jährlich zwischen 1200 und 1400 Kontakte. Rund ein Drittel betrifft das Thema Online-Nutzung. Tatsächlich behandeln wir pro Jahr etwa 80 bis 100 Menschen wegen problematischer Online-Nutzung, etwa zwei Drittel davon sind unter 18 Jahre alt. Die Zahlen sind allerdings nur bedingt aussagekräftig, weil es in Oberösterreich kaum spezialisierte Angebote gibt. Wir brauchen dringend flächendeckend Beratung für Verhaltenssüchte. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Situation besonders ernst, weil sie sich noch in einer entscheidenden Entwicklungsphase befinden. Die Folgen können das gesamte weitere Leben beeinflussen.
Als unsere Ambulanz gegründet wurde, behandelten wir vor allem junge Männer mit Computerspielsucht. Heute kommen Anfragen von Eltern mit Kindern, die erst neun Jahre alt sind.
Dr. Kurosch Yazdi-Zorn
Was hat sich bei Ihren jungen Patienten in den vergangenen zehn Jahren verändert?
Als unsere Ambulanz 2010 gegründet wurde, behandelten wir vor allem junge Männer mit Computerspielsucht. Stichwort „World of Warcraft“. Heute kommen Anfragen von Eltern mit Kindern, die erst neun Jahre alt sind. Das Problem hat sich deutlich zu den Jüngeren verlagert. Gleichzeitig hat die Bedeutung von Social Media – vor allem von Kurzvideo-Plattformen – stark zugenommen.
Was macht diese Entwicklung so problematisch?
Mittlerweile haben wir es oft mit mehreren Problemen gleichzeitig zu tun. Bei Mädchen beobachten wir etwa häufiger Essstörungen durch die ständige Konfrontation mit unrealistischen Schönheitsidealen. Andere Jugendliche kommen über soziale Medien mit problematischen Substanzen wie Lachgas in Kontakt. Das macht die Behandlung deutlich schwieriger.
Was halten Sie vom geplanten Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige?
Ich halte das für einen wichtigen ersten Schritt. Aus medizinischer Sicht wäre ich sogar strenger und würde die Altersgrenze eher bei 16 Jahren ansetzen. Nachrichtendienste halte ich ab 14 Jahren für vertretbar, Kurzvideo-Plattformen deutlich weniger. Manche Kinder und Jugendliche werden solche Regeln umgehen, trotzdem halte ich sie für sinnvoll. Ein gesetzlicher Rahmen stärkt Eltern und Schulen und sendet ein klares gesellschaftliches Signal, dass Kinder geschützt werden sollen.
Die Vorbildwirkung der Eltern bei der Handy-Nutzung ist enorm. Kinder lernen vor allem durch das, was sie vorgelebt bekommen.
Dr. Kurosch Yazdi-Zorn
Stichwort Eltern. Wo nehmen Sie diese in die Pflicht?
Die Vorbildwirkung ist enorm wichtig. Eltern können nicht ständig selbst aufs Handy schauen und gleichzeitig von ihren Kindern etwas anderes erwarten. Kinder lernen vor allem durch das, was sie vorgelebt bekommen. Leider erreichen wir jene Eltern kaum, die sich nicht mit diesem Thema beschäftigen, obwohl unser Angebot kostenlos ist und man vergleichsweise rasch einen Termin bekommt.
Wie sieht es mit den Tech-Konzernen aus? Müsste die Politik hier deutlich strengere Regeln schaffen?
Definitiv. Meiner Ansicht nach müsste man mit diesen Plattformen ähnlich umgehen wie mit anderen Suchtmitteln. Wenn Produkte nachweislich das Potenzial haben, Kinder und Jugendliche in problematische Nutzungsformen zu bringen, braucht es klare Regeln, wirksame Kontrollen und empfindliche Strafen.
Digitale Medien werden Teil unseres Lebens bleiben. Je jünger Kinder sind, desto mehr Schutz und Einschränkungen brauchen sie.
Dr. Kurosch Yazdi-Zorn
Was wäre aus Ihrer Sicht ein realistisches Ziel: weniger Bildschirmzeit oder ein bewussterer Umgang mit digitalen Medien?
Beides. Es braucht weniger Bildschirmzeit und gleichzeitig mehr Medienkompetenz. Digitale Bildung allein reicht aber nicht aus. So wie Eltern bei Ernährung Grenzen setzen, müssen sie auch bei digitalen Medien klare Regeln schaffen und ihre Kinder begleiten.
Wie könnte das konkret aussehen?
Ab 14 Jahren sollte Jugendlichen schrittweise mehr Eigenverantwortung übertragen werden. Gleichzeitig brauchen sie digitale Bildung und die Begleitung durch ihre Eltern. Inhalte sollten gemeinsam besprochen und kritisch eingeordnet werden. Denn digitale Medien werden Teil unseres Lebens bleiben. Je jünger Kinder sind, desto mehr Schutz und Einschränkungen brauchen sie.
_____________________________________