Minitta-Kandlbauer
Psychologische Charakterstudien sind ihre Spezialität: Caro Reichls zweiter Roman kreist um Erinnerung, Verdrängung und die Frage, wem man glaubt.
Der Roman “Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks” ist bereits der zweite der 1993 in Linz geborenen und in Wien lebenden Autorin Caro Reichl, die auch als Kreativdirektorin arbeitet. Für ihren Debütroman “Was glänzt, verschwindet mit uns” (2024, LeykamVerlag) erhielt sie den Wiener Werkstattpreis und Stipendien des BMKÖ. Auch ihr Zweitwerk kann sich lesen lassen.
In der Rahmenhandlung beginnt Rosa, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Dadurch könne sie, so heißt es, vielleicht etwas erkennen, was sie jetzt noch nicht sehen kann. Warum schreiben Sie?
Caro Reichl: Ich schreibe, weil ich nicht anders kann. Wenn ich nicht schreibe, habe ich das Gefühl, dass ein Teil von mir fehlt. Ich bin unausgeglichen, mein Herz ist voller Weltschmerz. Mich in eine Szene hineinzufühlen und durch Sprache in eine Form zu bringen, die mir gefällt, das hat etwas Beruhigendes.
Sie arbeiten als Kreativdirektorin. Befruchten sich diese Arbeit und das literarische Schreiben gegenseitig?
Bestimmt, ich glaube, ich bin z.B. durch meine Arbeit in der Agentur beim literarischen Schreiben sehr geübt darin, Ideen zu verwerfen und Sätze neu zu schreiben, damit sie besser werden. Bei dem Kühlschrank-Roman dreht sich außerdem viel um die Suche nach der Wahrheit und auch um Manipulation. Da war die Werbewelt der 90er mit all ihren Klischees und Eskapaden (so wie ich sie mir vorgestellt habe) ein dankbares Setting.
Der Kühlschrank wird für Rosa zu einem Gegenüber, sie spricht mit ihm. Wie ist diese Idee entstanden?
Ich habe an einem Schreibseminar teilgenommen, bei dem es darum ging, einem Gegenstand Leben einzuhauchen. Nachdem wir die Aufgabenstellung erhalten hatten, habe ich mir den Kühlschrank neben der Kaffeemaschine genauer angesehen. Dass ein Kühlschrank “Liebherr” heißt, fand ich irgendwie gut. Da entstanden dann schnell drei Seiten, die es auch ziemlich genau so in den Roman geschafft haben. Der Kühlschrank hat sich als großartige Projektionsfläche für Rosas Innenleben herausgestellt. Er bringt eine Absurdität mit sich, die es mir überhaupt erst möglich gemacht hat, mich dem eigentlichen, schweren Thema zu widmen.
Beim Lesen brennt man darauf zu erfahren, ob Almuts Vorwurf zutrifft, doch eine objektive Antwort gibt es nicht. Wissen Sie als Autorin, was tatsächlich geschehen ist?
Ja, die gibt es für mich. Aber ich wollte, dass sich der Roman wie die Realität verhält, und da zeigt sich leider auch nur in den seltensten Fällen eindeutig, was wirklich passiert ist. Mich hat die Frage lange beschäftigt, ob man dieses Geständnis tatsächlich braucht und was das mit einem macht, wenn man es nicht bekommt.
Haben Sie schon eine Idee für den nächsten Roman?
Ich arbeite aktuell an zwei Manuskripten: In dem einen geht es um eine Studentin, die sich in ungesunde Beziehungen verstrickt, in dem anderen um eine ambivalente Mutter-Kind-Beziehung.

“Das dreiste Schweigen meines Kühlschranks”
von Caro Reichl
Leykam Verlag
ISBN 978-3-7011-8416-3;
€ 24,50
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