Monika Ballwein: Zwischen Bühne und Mutterliebe
Monika Ballwein über ihr 40-jähriges Jubiläum als Profi-Sängerin und ihren ersten eigenen deutschsprachigen Song.
© Stefan Leitner
In Oberösterreich kennt man Monika Ballwein vor allem an der Seite von Andie Gabauer als Teil des Duos „Live Spirits“, das seit mehr als 25 Jahren ein treues Publikum begeistert. Doch die gebürtige Niederösterreicherin ist weit mehr als das: eine fixe Größe der österreichischen Musikszene – seit vier Jahrzehnten auf der Bühne, im Studio und als Mentorin.
„Baroness of Soul“ wird sie genannt, und das nicht ohne Grund. In ihrer jahrzehntelangen Karriere stand sie mit Größen wie Nina Hagen, Rainhard Fendrich oder Al Jarreau auf der Bühne, war viermal als Background-Sängerin beim Eurovision Song Contest dabei und prägte als Vocal Coach 2014 sogar den Sieg von Conchita Wurst. Mit ihrer VoCal Academy in Wien begleitet sie seit über 20 Jahren junge Talente auf ihrem Weg. Ihre Vielseitigkeit ist beeindruckend: von Pop, Soul und Jazz bis hin zu Musical- und Orchesterproduktionen (siehe Infokasten auf Seite 18).
Beim Coverinterview in Wien wird schnell klar: Wenn Monika Ballwein von ihrem Sohn Noah spricht, verändert sich alles. Die große Bühne tritt in den Hintergrund. Es geht um bedingungslose Liebe und ums Loslassen. Um Vertrauen und um die leisen Töne hinter einer großen Stimme.

Frau Ballwein, Ihre Single „Wie du“ haben Sie Ihrem 18-jährigen Sohn gewidmet. Warum war jetzt der richtige Moment?
Weil ich gerade merke, dass das Loslassen ganz schön schwierig ist. Man will die Kinder ja immer beschützen, und für uns Mütter bleiben sie auch immer Kinder. Meine schönste Zeile für Noah ist: „Ich bin dein Rückenwind und dein Zuhaus“ – und das möchte ich ihm auch so mitgeben. Ich möchte ihn beflügeln, denn er wird auch Musiker werden, er singt toll, spielt wahnsinnig gut Gitarre und Klavier.
Letztendlich kann man Kinder nur begleiten und unterstützen – den Weg müssen sie selbst gehen!
Monika Ballwein
Noah tritt also in Ihre Fußstapfen?
Ja – wobei ich ihn nie zu etwas gedrängt habe, sondern ihm immer vermitteln wollte, dass es vor allem ihm selbst Freude bereiten muss. Allerdings habe ich schon früh bemerkt, dass er musikalisch ist und über ein ausgezeichnetes Gehör verfügt. Während der Corona-Zeit haben wir auch angefangen, viel gemeinsam zu singen. Und letztlich kann man Kinder nur begleiten und unterstützen – den Weg müssen sie selbst gehen.
Wie hat Ihr Sohn auf den Song reagiert?
Für Noah ist das eher ambivalent. Er ist 18 und wird oft darauf angesprochen. Ob er das immer als cool empfindet, weiß ich nicht (lacht). Den Song wollte er übrigens erst hören, als er fertig war. Mir war wichtig, ihm gerade zu seinem 18. Geburtstag etwas mitzugeben – Botschaften, die sich im Alltag nicht immer so leicht vermitteln lassen. In der Pubertät wird oftmals vieles nicht ausgesprochen. In gewisser Weise habe ich ihm mit dem Song meine bedingungslose Liebe vermittelt. Ich denke, es freut ihn, und vielleicht wird er es, wenn er älter ist, noch einmal anders einordnen.
Sie sind im selben Business. Ist man da besonders ehrlich miteinander?
Ja, absolut. Gerade im familiären Umfeld halte ich Ehrlichkeit für essenziell – nicht nur Unterstützung, sondern auch ein offenes, klares Feedback. Ein guter Sparringpartner ist vor allem ein aufmerksamer Beobachter. Man selbst läuft ja Gefahr, im eigenen Tun betriebsblind zu werden. Da hilft Noahs Blick von außen sehr. Er ist jung, bringt frische Ohren und Augen mit – das weiß ich sehr zu schätzen und nehme es gern an.
Sie haben schon so viele Talente gecoacht. Wie ist das beim eigenen Sohn?
Ganz objektiv kann ich nicht sein, das liegt in der Natur der Sache. Ich kenne die Branche und weiß auch, welche Fallstricke sie bereithält. Gleichzeitig versuche ich, so pragmatisch wie möglich zu bleiben. Ich sage ihm auch: „Tritt nicht in meine Fußstapfen, sondern finde deinen eigenen Weg.“ Noah ist ein wunderbarer, angehender Musiker, mit einem ganz besonderen Schmelz in der Stimme – etwas, das man nicht lernen kann. Was Intimität, Emotion und Leidenschaft betrifft, ticken wir sehr ähnlich.
Sie haben Ihre Karriere bereits mit 14 Jahren in der Gospel-Soul-Band Cantores Dei begonnen und Ihr ganzes Leben der Musik gewidmet. Waren Sie vom Elternhaus geprägt?
Nicht wirklich. Mein Vater hat hobbymäßig in einer Musikkapelle gespielt. Er hat oft zu mir gesagt: „Komm, sing die zweite Stimme“, und nebenbei habe ich so ganz selbstverständlich Gehörbildung mitbekommen. Als ich dann aber gesagt habe, dass ich Sängerin werden möchte, konnten sich meine Eltern nicht vorstellen, dass man daraus einen Beruf machen kann – außer vielleicht als Musikschullehrerin.
Ich finde Cosmos Song ‚Tanzschein‘ großartig; es ist ein echter Mitmach-Song!
Monika Ballwein
Sie gehören zu den bekanntesten Künstlerinnen Österreichs, auch über die Grenzen hinaus. Gab es einen Moment, in dem Sie wussten: Jetzt geht es auf?
Einen speziellen Moment gab es nicht. Der Wunsch war immer da, und ich hatte keinen Plan B. Mein Musikschullehrer gründete die Band Cantores Dei und war auch mein Mentor und Förderer. Man darf nicht vergessen, dass ich in einem Dorf mit gerade einmal sieben Häusern aufgewachsen bin. Es gab keinen wirklichen Vergleich, ich habe einfach gemacht, was sich für mich richtig angefühlt hat. Ob das gut war, konnte ich nicht so ganz einschätzen. Erst durch Reaktionen von außen wurde mir langsam klar, dass da vielleicht etwas Besonderes ist, etwa wenn ich Stimmen sofort heraushören konnte und andere mich darauf angesprochen haben.

Sie feiern heuer Ihr 40-jähriges Jubiläum als Profi-Musikerin. Was hat sich in der Branche für Frauen geändert?
Es hat sich ehrlich gesagt nicht so viel geändert. Ich habe sehr viel erlebt – auch Sexismus. Das Erste, was ich damals gehört hat, war: Sei schön und sing, und das Röckchen muss kürzer sein. Und wenn dich jemand „angrapscht“, soll man nicht so prüde sein. Ich habe mich aber immer gewehrt und war dadurch oft die Unangenehme. Und dann kam noch dazu, dass Ö3 und die Formatradio-Politik damals kaum österreichische Acts gespielt haben. Wir sind irgendwie die verlorene Generation zwischen Reinhard Fendrich und Christina Stürmer. Da ist viel verbrannte Erde entstanden, von uns gibt es kaum eigene Musik, weil es wenig Sinn machte ohne Mediensupport. Viele haben damals auch aufgegeben und andere Berufe ergriffen.
Haben Sie je daran gedacht aufzuhören?
Nein. Ich habe mich nie unterkriegen lassen, auch wenn es oftmals schwierig war. Dranbleiben, immer das Beste geben, das habe ich von zu Hause mitbekommen. Also habe ich mich neu aufgestellt. Vieles hat sich ergeben, auch das Vocal Coaching, weil mich immer wieder jemand gefragt hat, wie ich bestimmte Sounds mache. Dabei war mir wichtig, wirklich das Beste aus jemand herauszuholen. Deshalb habe ich studiert, mich weitergebildet und auch der Forschung gewidmet, etwa mit CVT (Complete Vocal Technique), in der ich die erste in Österreich bin. Wie ich erfahren habe, hieß es in Studiobranches damals oft: „Wenn du wirklich guten Gesang brauchst, ruf die Ballwein an.“ Ich war wohl in der ersten Liga, selbst sieht man das aber oft nicht.
Ist es für junge Künstlerinnen und Künstler heute durch Social Media einfacher, eine Karriere aufzubauen?
Nicht unbedingt. Nach wie vor ist ein starker Radio- oder TV-Sender ein großer Spreader, weil beide im Alltag vieler unterschiedlicher Menschen präsent sind. Über Social Media erreicht man häufig nur eine bestimmte Bubble, und wer nicht Teil davon ist, bekommt vieles gar nicht mit. Die Möglichkeiten sind heute vielfältiger, aber sie erreichen längst nicht mehr alle gleichermaßen.
Kommen wir zum Eurovision Song Contest: Sie waren viermal als Backgroundsängerin dabei und 2014 als Coach von Gewinnerin Conchita. Was bedeutet Ihnen der Eurovision Song Contest?
Ich schaue den Song Contest im Fernsehen, seit ich acht Jahre alt bin. Als ich das erste Mal selbst auf dieser Bühne stand, war das natürlich das schönste Erlebnis für mich. Das war 1997 in Dublin, als Katrina and the Waves mit „Love Shine a Light“ gewonnen haben. Schon damals war alles groß – alles perfekt organisiert, von den Proben bis zur Betreuung. Riesige Hallen, ein tolles Publikum, einfach überwältigend. Im Jahr 2013 wurde ich erneut überredet: Ich habe Natalia Kelly gecoacht und stand auch mit ihr wieder auf der Bühne. Generell war es immer ein schönes Miteinander. Wir haben zum Beispiel oft in der Hotelbar mit den Teilnehmern aus anderen Ländern gejammt – das war großartig
Gab es beim Auftritt von Conchita in Kopenhagen diesen Moment, in dem klar war: Das schreibt jetzt Geschichte?
Das war mir ehrlich gesagt schon viel früher klar. Ich war offen gesagt auch ein Stück weit daran beteiligt, dass dieser Song in dieser Form entstanden ist. Für mich war immer entscheidend: Es darf nicht einfach nur ein guter Song sein, es muss ein Gewinner-Song sein. Das gepaart mit einer Kunstfigur, die so polarisiert – da muss man alles „auf die Zwölf“ machen. Der Hype war enorm, aber auch der Druck. Und „meine 11“ war auch da wieder im Spiel.
Was hat es mit der Nummer 11 auf sich?
Von der Startnummer beim Skikurs bis zur ersten Wohnung – die Nummer 11 begleitet mich schon mein ganzes Leben. Beim Song Contest in Kopenhagen hatte die Hotelsuite von Conchita die Nummer 11, er hatte die Startnummer 11, am 11. Mai war die Rückkehr, und selbst die Punktezahl – 290 – ergibt in der Quersumme wieder 11. Im Semifinale hatte Conchita die Startnummer 6, und sein Geburtstag ist am 6.11. Für mich war das alles einfach geführt – so ein Moment, in dem man spürt: Wow, das wird groß. Jetzt passt alles, jetzt funktioniert es.
Der Eurovision Song Contest am 16. Mai 2026 in Wien ist quasi ein Heimspiel. Wie sind Sie vertreten?
Ich bin in unterschiedlichen Funktionen eingebunden. Für die Vorausscheidung habe ich alle Acts gecoacht, darunter auch den österreichischen Vertreter Cosmo. Am 10. und 11. Mai bin ich am Rathausplatz und organisiere ein großes Sing-Along mit dem Publikum. Außerdem unternehme ich mit Moderatorin Eva Pölzl eine kleine Tour durch die „Häuser zum Leben“ (Anm. d. Red.: Seniorenwohnungen und Pflegeheime), um auch die ältere Generation einzubinden. Viele von ihnen haben den Song Contest sicher über Jahrzehnte verfolgt.
Mit meinem Voices-of-Volunteers-Chor von damals bin ich ebenfalls bei der Sendung „Wir sind Song Contest“ dabei. Ich unterstütze unsere beiden Hosts (Victoria Swarovski und Michael Ostrowski) bei ihren Gesangsparts. Darüber hinaus moderiere ich im Stadttheater Wiener Neustadt das Public Viewing am Finaltag und coache internationale Künstlerinnen und Künstler, die während dieser Zeit mit mir in meinem Studio arbeiten möchten.
Wie schätzen Sie die Chancen von Cosmo mit seinem Song „Tanzschein“ ein?
Ich finde ihn großartig. Es ist ein echter Mitmach-Song, der viele Menschen mitreißt. Cosmo ist außerdem ein hervorragender Sänger, auch wenn man das in diesem Song nicht in vollem Umfang hört. Er hat eine starke Stimme und er hat den Song selbst geschrieben. Ich freue mich auf seine Performance.
Bis 1. Mai standen Sie im Landestheater Salzburg im Musical „Priscilla“ auf der Bühne. Wie ist es angekommen?
Die Show war von Anfang an ausverkauft und ein voller Erfolg. „Priscilla – Queen of the Desert“ (nach dem gleichnamigen Film) bringt einfach eine großartige Energie auf die Bühne. Ich bin sehr dankbar, dass Ramesh Nair mich zur Audition ermutigt hat – er übernahm auch Regie und Choreografie. Gemeinsam mit den Kostümen von Adam Nee und dem Bühnenbild von Michael Lindner entstand eine fantastische Produktion. Es hat mir großen Spaß gemacht.
Könnte die Produktion auch auf Tour gehen?
Das wäre fantastisch! Bitte gern mit dem Intendanten des Landestheaters sprechen. Interessenten einfach melden! 😉
Enstpannen kann ich beim Spazierengehen, Putzen oder Haareföhnen. Dabei komme ich in einen Flow, und genau dann entstehen bei mir oft die besten Ideen.
Monika Ballwein
Wie haben Sie Ihr Pensum als selbstständige Musikerin mit Ihrem Sohn gemanagt?
Es war immer ein Spagat. Grundsätzlich haben sein Vater und ich vieles gut aufgeteilt. Unterstützung bekam ich auch von den Omas, meiner Schwester und Babysitterinnen, die fast zur Familie gehörten. Die größte Herausforderung war jedoch die Organisation. Ich habe lange für Ö3 und internationale Radiosender Jingles gesungen. Als mein Sohn gerade einmal sechs Monate alt war, erhielt ich einen Anruf für eine Produktion in Los Angeles. Damals habe ich Muttermilch abgepumpt und auf Vorrat eingefroren, um überhaupt arbeiten zu können. Als selbstständige Künstlerin gab es weder Mutterschutz noch Karenzgeld. Ich stand bis drei Wochen vor der Geburt auf der Bühne. Das sind Dinge, die man oft nicht sieht.
Sie sehen bombastisch aus. Was mich aber interessiert: Verändert sich mit dem Älterwerden die Stimme?
Derzeit arbeite ich gemeinsam mit einer HNO-Ärztin im Forschungsbereich meiner selbst, da dies natürlich auch mit den Wechseljahren zusammenhängt. Diese haben mich, ehrlich gesagt, ziemlich überrascht – körperlich wie ein Schlag, ohne dass ich wirklich darauf vorbereitet gewesen wäre. Stimmlich nehme ich bereits Veränderungen wahr: Bestimmte Höhen sind nicht mehr so leicht erreichbar. Ob das am Alter liegt – physiologisch oder hormonell bedingt ist – kann ich noch nicht eindeutig sagen. Der Klang meiner Stimme ist im Grunde gleichgeblieben, vielleicht etwas dunkler, reifer. Ich werde weiter beobachten und berichten.
Was macht Monika Ballwein, wenn einmal nichts ansteht?
Ich werde oft gefragt, ob ich ein Hobby habe. Aber Musik ist mein Leben. Selbst im Urlaub höre ich etwas und denke sofort: Ah, spannend, könnte ich das so oder so umsetzen? Doch das empfinde ich nicht als belastend – im Gegenteil. Natürlich genieße ich es auch, wenn es einmal ruhig ist, aber selbst dann merke ich, dass mich einfache Dinge am meisten entspannen: Spazierengehen, Putzen oder Haareföhnen. Dabei komme ich in einen Flow, und genau dann entstehen bei mir oft die besten Ideen.

Neu: Single “Wie Du”
Mit ihrer neuen Single „Wie du“ präsentiert Monika Ballwein erstmals ihr eigenes deutschsprachiges Repertoire – und damit einen besonders persönlichen Song. Downloaden oder streamen auf Spotify, Apple-Music und www.youtube.com
Infos zu Konzerten und Monika Ballwein
www.ballwein.com
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