Biobäuerin Vanessa Aufreiter trägt Korb voller Lavendel

Vanessa Aufreiter: Vom Gemeindeamt auf den Kräuterhof

Eigentlich wollte Vanessa Aufreiter nie Bäuerin werden. Heute führt sie mit ihrem Mann den gleichnamigen Bio-Kräuterhof im Mühlviertel und kann sich kein anderes Leben mehr vorstellen.

7 Min.

© Dominik Derflinger

Draußen riecht es nach Frühling, drinnen nach Kräutern. Wir sind im kleinen Hofladen des Bio-Kräuterhofs Aufreiter in Hadersdorf im Mühlviertel, etwa eine halbe Stunde von Linz entfernt. Auf 650 Metern Seehöhe baut die Familie hier seit mehr als 40 Jahren Kräuter an, verkauft sie als Gewürzmischungen und Tees und beliefert Marken wie Sonnentor.
Vanessa Aufreiter (26) hat auf den Hof geheiratet und führt ihn nun gemeinsam mit ihrem Mann Jakob. Uns hat sie erzählt, wie sie ihren Platz am Hof gefunden hat und was ihre Arbeit als Bäuerin so besonders macht.

Sie haben auf den Hof geheiratet. Wollten Sie schon immer Bäuerin werden?
Vanessa Aufreiter: Nein, gar nicht (lacht). Ich habe am Gemeindeamt in Alberndorf gearbeitet, als ich meinen jetzigen Mann Jakob kennengelernt habe. Es war klar, dass er den Hof übernehmen wird, aber er hat immer gesagt, dass ich keine Bäuerin werden muss, wenn ich das nicht möchte. Das schätze ich sehr an ihm.

Wann war für Sie klar, dass Sie am Hof mitarbeiten werden?
Ich habe mich zuerst für eine Bildungskarenz entschieden und 2021 die Ausbildung zur Kräuterpädagogin gemacht. In dieser Zeit wurde ich auch mit unserem Sohn Moritz schwanger. Seit er und Flora auf der Welt sind, sehe ich die Landwirtschaft noch einmal mit anderen Augen. Für mich ist es ein großer Vorteil, Familie und Beruf verbinden zu können. Ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass ich am Hof mitarbeiten werde.

Biobäuerin Vanessa Aufreiter lehnt an einer Holzbank im Garten
© Dominik Derflinger

Sie sind in einen gewachsenen Familienbetrieb hineingekommen. Wie haben Sie Ihren Platz am Hof gefunden?
Am Anfang konnte ich mir meine Rolle hier noch nicht so richtig vorstellen. Gleichzeitig habe ich gespürt, dass ich von allen sehr willkommen war. Das Schöne ist, dass ich immer volle Unterstützung von meinem Mann und meinen Schwiegereltern hatte. Für meine Diplomarbeit wollte ich zum Beispiel eine Pflegelinie für Mamas und Babys entwickeln. Ich durfte mich ausprobieren – auch mit dem Risiko, dass es vielleicht nicht funktioniert. Daraus habe ich unglaublich viel gelernt. Am Hof heißt es immer: Jeder darf sich so entwickeln und entfalten, wie es für ihn passt. So habe ich meinen Platz hier gefunden. Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu arbeiten.

Wofür sind Sie am Hof zuständig?
Gemeinsam mit meiner Schwiegermutter führe ich den Direktvertrieb – und das macht mich sehr stolz. Mir ist bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist. Wir verstehen uns sehr gut, unterstützen uns gegenseitig und arbeiten ständig an neuen Ideen. Als nächstes möchten wir zum Beispiel das Projekt Teebeutel angehen. Wir sehen, dass es dafür Nachfrage gibt, und möchten deshalb zusätzlich zu unseren offenen Tees auch Tees im Beutel anbieten. Außerdem bringen wir im Frühsommer eine neue Gewürzlinie heraus – bunt, peppig und ein bisschen anders. Das sind fertige Mischungen, zum Beispiel für Bratl oder Steak.

Wir gehen sorgsam mit unserem Boden um. Er ist unsere Lebensgrundlage.

Vanessa Aufreiter

Bei Ihnen am Hof leben drei Generationen zusammen. Wie funktioniert das?
Es funktioniert gut, weil jeder dem anderen den Raum gibt, den er braucht. Jeder darf so sein, wie er ist. Wichtig ist uns allen ein respektvoller und wertschätzender Umgang miteinander und das versuchen wir jeden Tag zu leben.

Ihre Schwiegereltern haben vor mehr als 40 Jahren mit dem Anbau von Biokräutern begonnen. Gibt es Werte, die den Hof und Ihre Arbeit bis heute begleiten?
Tatsächlich setzen wir uns einmal im Jahr zusammen und halten ein Wochenende lang Klausur. Dabei erarbeiten wir jene Werte, die uns bei unserer Arbeit am Hof wichtig sind, und entwickeln daraus unser Leitbild. An diesen Werten orientiert sich unsere Arbeit. Darin halten wir zum Beispiel fest, dass wir uns mit Gestaltungskraft, Innovationsfreude und neuen Ideen ständig weiterentwickeln wollen. Gleichzeitig achten wir auf eine gesunde Balance und nehmen uns bewusst Zeit für Familie, Partnerschaft und uns selbst.

Eine Schale voller getrockneter Ringelblumenblüten
© Dominik Derflinger

Welcher Wert ist für Sie persönlich am wichtigsten?
Mir ist besonders wichtig, im Rhythmus der Natur zu arbeiten – und auch zu leben. Als ich noch im Büro gearbeitet habe, war mir völlig egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Heute ist das ganz anders. Im Winter ist alles ruhiger und langsamer, im Frühling beginnt alles zu wachsen und zu sprießen und im Sommer ist Hochsaison. Das spüre ich selbst auch so und ich genieße es sehr. Die Herausforderung ist allerdings, dass niemand in den Rhythmus der Natur eingreifen kann. Das Wetter spielt eine große Rolle und oft zählt jeder einzelne Tag. Wir versuchen immer, das Beste daraus zu machen und meistens gelingt uns das auch (lächelt).

Wie wichtig ist es, eine Balance zu finden, wenn Sie dort arbeiten, wo Sie auch leben?
Grundsätzlich haben wir keine fixen Paar- oder Familienzeiten eingeplant. Allerdings machen wir diese Arbeit so gern, dass es auch Familienzeit ist, wenn wir gemeinsam am Hof arbeiten. Als wir noch keine Kinder hatten, habe ich oft Stunden mit Jakob am Traktor verbracht – das war unsere gemeinsame Zeit (lacht). Heute helfen unsere Kinder schon auf den Feldern mit. Die Ringelblumen ernten wir zum Beispiel per Hand, weil kein Stängel mehr dran sein dürfen. Die Blüten werden oft als Steckblumen für das Sichtfenster der Teesackerl verwendet. Das ist viel Arbeit und auch anstrengend, aber gleichzeitig eine wunderschöne Aufgabe. Vor allem, weil Flora schon so fleißig mithilft. Sie freut sich über jede einzelne Blüte, weil sie so perfekt ist – wie sie sagt. Und Moritz fährt sie dann mit seiner kleinen Scheibtruhe zur Trocknung. Diese gemeinsame Zeit genießen wir sehr.

Verschiedene Sackerl mit Tee in einem Hofladen
© Dominik Derflinger

Auf Ihren Feldern wachsen viele verschiedene Kräuter. Haben Sie persönlich ein Lieblingskraut?
Meine Herzenspflanze ist der Lavendel. Zum einen, weil es für Jakob und mich eine unserer ersten gemeinsamen Entscheidungen war, ihn anzubauen. Zum anderen finde ich ihn einfach wunderschön. Er duftet herrlich und hat eine entspannende Wirkung.

Welche Rolle spielt Social Media für Sie?
Social Media darf man auch in unserem Bereich nicht unterschätzen. Wir erreichen damit eine andere Zielgruppe und bekommen mehr Aufmerksamkeit. Außerdem können wir den Menschen ganz einfache Tipps mitgeben – etwa zu Kräutern, die gerade wachsen, oder zu Gewürzen, die gut zu bestimmten Speisen passen. Gleichzeitig geben wir Einblicke in unsere Arbeit und unser Leben am Hof. Viele unserer Kunden interessiert es sehr, was sich bei uns tut.

Welche Arbeit steht jetzt als Nächstes an?
Im Frühling werden die Kräuter gepflanzt. Dafür haben wir eine spezielle Pflanzensetzmaschine, die am Traktor angehängt wird. Die Jungpflanzen werden dabei von Hand in Halterungen an einem rotierenden Rad gesetzt. Während der Traktor fährt, dreht sich das Rad mit, setzt die Pflanzen automatisch in die Erde. Gleichzeitig wird die Erde leicht angedrückt, damit die Pflanze gut anwachsen kann. Ich gehe hinten nach und schaue, dass keine Lücken in den Reihen entstehen. Sonst würde dieses Loch drei bis fünf Jahre bestehen bleiben – je nachdem, welche Kultur gepflanzt wurde. Mit der ersten Ernte starten wir Ende April oder Anfang Mai. Je nach Witterung geht die Ernte dann bis Oktober.

Getrocknete Rosenblüten, die in eine Schüssel rieseln
© Dominik Derflinger

Sie bewirtschaften 50 Hektar Grund. Was passiert mit all den Kräutern?
Nur ein kleiner Teil wird für unsere eigenen Kräuter- und Teemischungen verwendet. Diese verkaufen wir über unseren Hofladen, unseren Onlineshop und über rund 120 Wiederverkäufer. Den größeren Teil unserer Rohware verkaufen wir LKW-weise an Betriebe wie Sonnentor oder Waldland.

Wenn Sie an die nächsten zehn Jahre denken: Wo sehen Sie sich und den Bio-Kräuterhof?
In zehn Jahren werden wir diese Arbeit hoffentlich immer noch genauso gern machen wie heute. Meinem Mann und mir ist besonders wichtig, wie wir mit unserem Boden umgehen. Wenn wir gut auf unseren Boden achten und sorgsam damit umgehen, bin ich mir sicher, dass wir auch in Zukunft gute Ernten und hohe Qualität haben werden. Unser Boden ist Lebensgrundlage – nicht nur für uns, sondern auch für viele Insekten und andere Lebewesen. Ein Traum von uns ist außerdem eine eigene Naturkosmetiklinie. Dafür gibt es aber noch keinen konkreten Zeitplan. Wir gehen Schritt für Schritt und schauen, was das Universum noch für uns bereithält.

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