2610_O_Lügen über meine Mtter

Interview zum Film: “Lügen über meine Mutter”

Der Film läuft ab 8. Oktober im Kino.

5 Min.

ZWISCHEN LIEBE UND LOYALITÄT. Während das Gewicht von Cornelia (Rosalie Thomass) zum beherrschenden Thema der Familie wird, gerät Tochter Ela (Elise Lindner) immer stärker zwischen die Fronten ihrer Eltern. © Tobis Film / Luis Zeno Kuhn

Schauspielerin Rosalie Thomass spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern adaptierte Daniela Dröschers Bestseller auch für die Leinwand. Im Interview spricht sie über Körperbilder, familiäre Prägungen und den Druck, unter dem Frauen bis heute stehen.

Wie sehr prägt der Blick eines Mannes das Bild, das eine Frau von sich selbst entwickelt? Und was übernehmen Kinder davon? Mit “Lügen über meine Mutter” bringt Rosalie Thomass am 8. Oktober Daniela Dröschers Bestseller ins Kino.

Die Schauspielerin schlüpft in die Rolle von Cornelia, eine Mutter, deren Körper zum ständigen Gegenstand von Kritik und Kontrolle wird – und schrieb gemeinsam mit Regisseur Aron Lehmann auch das Drehbuch. Im Interview spricht die 39-jährige gebürtige Münchnerin über Schönheitsnormen, den Druck auf Frauen, die Perspektive der Kinder und darüber, warum die Geschichte weit über eine einzelne Familie hinausreicht.

Rosalie Thomass im Interview

Im Film “Lügen über meine Mutter” spielen Sie Cornelia. Was hat Sie an dieser Geschichte und an der Figur der Cornelia besonders berührt?

Mich hat vor allem berührt, wie leise und gleichzeitig radikal diese Geschichte erzählt wird. Cornelia wird nicht durch einen großen Knall verletzt, sondern durch die vielen kleinen Bemerkungen, Blicke und Bewertungen, die sich irgendwann zu einem ganzen Weltbild verdichten. Ihr Mann macht ihr Gewicht für alles verantwortlich, was in seinem Leben nicht funktioniert – und irgendwann beginnt auch sie selbst, durch diesen Blick auf sich zu schauen. Das fand ich unglaublich schmerzhaft und gleichzeitig sehr menschlich. Cornelia ist keine Figur, die sich leicht in “stark” oder “schwach” einteilen lässt. Sie versucht, innerhalb eines Systems zu funktionieren, das ihr ständig vermittelt, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

Besonders schmerzhaft ist, dass Tochter Ela zunehmend den Blick des Vaters auf ihre Mutter übernimmt. Was erzählt der Film darüber, wie früh Kinder bestimmte Vorstellungen von Körpern, Schönheit und vermeintlichen “Mängeln” entwickeln?

Kinder lernen sehr früh, was in einer Gesellschaft als schön, richtig oder erstrebenswert gilt – und mindestens genauso früh lernen sie, was angeblich nicht dazugehört. Ela beobachtet ihre Eltern und übernimmt zunächst ganz unbewusst die Wertungen ihres Vaters. Sie steht zwischen den Stühlen. Für mich ist das einer der tragischsten Momente des Films, als Ela vor ihrer Mama steht und sie bittet, doch endlich abzunehmen. Ich glaube, der Film zeigt sehr deutlich, wie wichtig es ist, was wir Kindern über Körper und Selbstwert vorleben.

Cornelia wird ständig bewertet. Wie sehr kennen Frauen diesen Druck, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen, auch heute noch?

Ich glaube, diesen Druck kennen sehr viele Frauen. Für eine kurze Zeit hatte ich den Eindruck, wir hätten echte Fortschritte gemacht, dann kam der Kapitalismus um die Ecke mit einem neuen Medikament – und plötzlich sind überall wieder bemerkenswert dünne Frauen öffentlich sichtbar, so ein Zufall. Ich würde uns Frauen wünschen, dass wir immer mehr verstehen, welches System hinter den vermeintlichen “Idealen” steht – und uns fragen, ob wir denn da überhaupt mitmachen wollen. Niemand sollte das Gefühl haben, sich seinen Platz in der Welt erst durch einen bestimmten Körper verdienen zu müssen.

Was hat Sie an Daniela Dröschers Roman so berührt oder gereizt, dass Sie diese Geschichte auf die Leinwand bringen wollten?

Ich wollte einen Film machen, der etwas sichtbar macht, das bisher vorwiegend im Verborgenen stattfand: das Leben einer Frau, die “nur” Mutter, “nur” Hausfrau ist – und wie wenig wir als Gesellschaft diese wichtige Arbeit noch immer wertschätzen.So viele Frauen konnten aufgrund der strukturellen Benachteiligung durch Mutterschaft ihr Potenzial nicht ausschöpfen und ihre Träume nicht leben – und das war nicht immer selbst gewählt. Wie hier eine Frau um ihre Selbstbestimmung ringt, um ihre Würde, das hat mich interessiert und berührt, weil es mir aus meinem Umfeld bekannt ist.

Wie sehr erleben Sie den Druck gut und jung auszusehen in Ihrer Karriere als Schauspielerin?

Natürlich habe ich diesen Druck auch erlebt. Als Schauspielerin bekommt man recht großzügig vermittelt, welchen Vorstellungen man entsprechen soll. Ich glaube mein Glück war immer, dass ich nichts unhinterfragt stehen lassen kann – das schützt. Wer bewertet eigentlich meinen Körper – und ist diese Person überhaupt dazu berechtigt? Wer entscheidet, wann ein Frauenkörper “gut” ist, und vor allem: warum? Ich konnte den Druck, der mit dem Körper verbunden ist, nie wirklich ernst nehmen, weil ich mich schlicht weigere, mich über etwas so Zufälliges zu definieren. Ich bin mein Verhalten, mein Humor, meine Interessen, meine Liebesfähigkeit, mein Geist – nicht mein Körper.

2610_O_Lügen über meine Mtter
Linda Rosa Saal

Das ist Rosalie Thomass.

Rosalie Thomass, geboren 1987 in München, zählt zu den vielseitigsten deutschen Schauspielerinnen ihrer Generation. In mehr als 60 Kino-, TV- und Streamingproduktionen verkörperte die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin vor allem komplexe und unkonventionelle Frauenfiguren.

Ihren Durchbruch feierte sie mit 18 Jahren in Dominik Grafs “Polizeiruf 110 – Er sollte tot sein”. Besonders eindrucksvoll war sie auch in “Grüße aus Fukushima”, “Eine unerhörte Frau” und “Die Känguru-Chroniken”. Demnächst ist sie als “Tatort”-Kommissarin Emilia Rathgeber an der Seite von Fabian Hinrichs zu sehen.

Rosalie Thomass im Star Movie Wels.

Am 9. Oktober kommt Rosalie Thomass ins Star Movie Wels: Nach dem Film “Lügen über meine Mutter” ist sie live im Kinosaal zu Gast. Wir verlosen 5 × 2 Tickets für das Kinoevent. Das Gewinnspiel finden Sie auf www.dieoberösterreicherin.at. Teilnahmeschluss ist der 5. Oktober 2026.

2610_O_Lügen über meine Mtter
Tobis Film

_____________

Das könnte Sie auch interessieren:

Autorentalk mit Judith Arbacher

Sarah Pfaffeneder: “Wir sind eine Frau”

Hollywoodstar Florence Pugh im Interview: „Vertraut euch selbst“

Abo

Wählen Sie Ihr persönliches Abo aus

×