© Ines Thomsen

Brustkrebs: Die frühe Diagnose war entscheidend!

Vor einem Jahr erhielt Julia Speiser die Diagnose aggressiver Brustkrebs. Heute, ein Jahr später, ist kein Krebs mehr nachweisbar. Im Interview spricht sie über Angst, ihre zwei Kinder und warum sie anderen Frauen mit ihrer Offenheit Mut machen möchte.

10 Min.

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Mama, das ist eine schwere Krankheit, die man mit starken Medikamenten wieder heilen kann.” Mit diesem Satz schenkte damals ihr achtjähriger Sohn Julia Speiser eine neue Sicht auf ihre Diagnose. Denn da war nicht mehr nur die Angst vor Krebs und Chemotherapie, sondern auch Zuversicht.
Die 39-Jährige entschied früh, ihre Erkrankung nicht zu verstecken – weder vor ihren Kindern noch öffentlich. Sie zeigte sich ohne Haare, sprach über gute und schlechte Tage und erlaubte sich, auch mal schwach zu sein.

Ihre Geschichte zeigt auch, wie wichtig es gerade für Frauen unter 40 ist, den eigenen Körper zu kennen und Veränderungen rasch abklären zu lassen – denn in diesem Alter ist eine regelmäßige Mammografie noch nicht routinemäßig vorgesehen. Ein Gespräch über Offenheit, das Leben im Hier und Jetzt und den Mut, daran zu glauben, dass es wieder gut werden darf.

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Optimismus ist für Julia Speiser nichts, das man hat oder nicht. Optimismus ist für die 39-jährige Unternehmerin eine bewusste Entscheidung. © Ines Thomsen

Julia, im September vor einem Jahr haben Sie erfahren, dass Sie an einer aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt sind. Wie erinnern Sie sich an den Moment der Diagnose?
Auch mit einem Jahr Abstand ist die Erinnerung noch sehr präsent, weil die Diagnose dein Leben von einer Minute auf die andere vollkommen außer Kontrolle bringt. Innerhalb weniger Wochen kam eines zum anderen: Mammografie, Biopsie, Diagnosegespräch und schließlich die erste Chemotherapie. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich mir: Es ist ein Wahnsinn, was in diesem Jahr alles passiert ist. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar, wie weit ich heute von dem Punkt entfernt bin, an dem ich damals stand. Die Zeit rund um die Diagnose war für mich die härteste Phase des gesamten Jahres.

Wie sind Sie darauf gekommen, dass etwas nicht stimmt?
Ich habe an meinem 38. Geburtstag unter der Dusche einen kleinen Knoten ertastet. Ehrlich gesagt nahm ich ihn zunächst nicht ernst und dachte, es sei eine Zyste. Nach dem Urlaub war er immer noch da, und das kam mir komisch vor. Bei der Mammografie hieß es zunächst, ich sei wegen einer Zyste erst vor Kurzem dort gewesen, hätte keine familiäre Vorbelastung und sei eigentlich viel zu jung. Ich wollte es trotzdem unbedingt abklären lassen. Gott sei Dank.

Bei meiner aggressiven Krebsform war es unglaublich wichtig, dass sie frühzeitig entdeckt wurde.

Julia Speiser

Wo stehen Sie heute?
Medizinisch bezeichne ich mich seit 1. April als krebsfrei. Die Ärztinnen und Ärzte sagen zwar, dass man offiziell erst nach fünf Jahren von “krebsfrei” spricht, aber das ist mir wurscht – ich brauche diese Bezeichnung für meine Seele. Emotional merke ich, dass vieles erst jetzt kommt. Während der Therapie habe ich vor allem funktioniert. Es gab einen klaren Ablauf, einen Termin nach dem anderen, und ich war einfach damit beschäftigt, diesen Weg zu gehen. Jetzt, ein Jahr später, beginnt bei mir erst richtig das Verarbeiten. Gerade im September kamen viele Erinnerungen zurück.

Welche Behandlungen liegen hinter Ihnen?
Es war ein hartes Jahr: Ich hatte 16 Chemotherapien und eine Operation. Da der Krebs durch die Chemotherapie vollständig verschwunden war, musste glücklicherweise nur noch das betroffene Gewebe entfernt werden. Auch bei der Operation war nichts mehr nachweisbar. Danach folgten 20 Bestrahlungen als Sicherheitsmaßnahme.Insgesamt bekam ich außerdem 18 Immuntherapien. Sie sollen das Immunsystem dabei unterstützen, mögliche verbliebene Krebszellen besser zu erkennen und zu bekämpfen.

Ist Ihre Behandlung abgeschlossen?
Ja seit 1. Oktober ist meine Behandlung endlich abgeschlossen. Das “Grande Finale” liegt also gerade hinter mir. Im Klinikum Wels-Grieskirchen wurde ich großartig betreut, und das gesamte Team ist mir sehr ans Herz gewachsen. Trotzdem freue ich mich darauf, mich vom Krankenhausalltag verabschieden zu dürfen. Ich möchte nur noch zu den Nachsorgeuntersuchungen kommen.

Wie haben Sie Ihren zwei Kindern erklärt, dass Sie krank sind?
Natürlich wollte ich ihnen nicht gleich die volle Keule zumuten, die mein Mann und ich abbekommen hatten. Aber meine Kinder gehören zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben – was hätte ich ihnen vorspielen sollen? Sie hätten ohnehin gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Am ersten Tag war ich selbst noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Am nächsten Tag erklärte ich ihnen, dass in Mamas Brust ein Gewächs ist, das dort nicht hingehört und mit einer Therapie entfernt werden soll.

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Wann haben Sie ihnen gesagt, dass es Krebs ist?
Schon kurze Zeit später. Mir war wichtig, dass sie es von mir erfahren und nicht von jemand anderem. Meine Tochter war damals sechs und dachte bei Krebs zunächst an ein Tier. Mein Sohn wusste bereits, was damit gemeint ist.

Wie haben Ihre Kinder die Veränderungen durch die Therapie erlebt?
Wir sind als Familie Schritt für Schritt gegangen. Kinder geben einem sehr schnell den Alltag und auch eine gewisse Leichtigkeit zurück. Als meine Haare abrasiert wurden, waren sie dabei. Für meine Tochter war das anfangs ein großes Thema. Wenige Tage später sagte sie: “Mama, ich kann mir dich gar nicht mehr mit langen Haaren vorstellen. Warum hattest du überhaupt einmal lange Haare?” Kinder leben im Hier und Jetzt und können eine neue Situation erstaunlich schnell als normal annehmen.

Wie lief die Chemotherapie ab?
Nach der ersten Chemotherapie blieb ich zur Beobachtung über Nacht im Klinikum. Danach wurde ich ambulant in der Tagesklinik behandelt. Die ersten zwölf Chemotherapien bekam ich wöchentlich. Das waren lange Tage – meistens war ich von acht bis 17 Uhr dort.

Wie haben Sie die insgesamt 16 Chemotherapien vertragen?
Die ersten zwölf wöchentlichen Behandlungen vertrug ich relativ gut, auch wenn die Belastung von Mal zu Mal größer wurde. Die letzten vier Chemotherapien bekam ich alle drei Wochen. Sie waren deutlich heftiger: Einige Tage ging gar nichts, danach kam ich langsam wieder auf die Beine – und dann hatte ich bis zur nächsten Therapie zwei Wochen, die ich genießen konnte.

Ich war nicht immer stark, aber mein Optimismus war es.

Julia Speiser

Sie haben die Chemotherapie “Tuning” genannt. Warum?
Ich habe gemerkt: Der Ton macht die Musik. Deshalb sprach ich irgendwann von “Tuning”. Das klingt für mich positiver. Ich möchte die Chemo nicht schönreden – sie ist definitiv kein Honigschlecken. Aber wir können dankbar sein, dass es diese Behandlung gibt und dass sich die Medizin so weiterentwickelt hat.

Sie führen gemeinsam mit Ihrem Mann Sebastian Ganthaler das Familienunternehmen Entholzer. Haben Sie Ihr Team selbst über Ihre Erkrankung informiert?
Ja. Nach meinem engsten Umfeld waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Ersten, denen ich davon erzählt habe. Das war eine sehr schwere Ansprache. Mein Mann bot mir an, sie für mich zu übernehmen. Aber ich wollte es unbedingt selbst machen – so schwer es auch war.

Wie hat Ihr Team reagiert?
Ich bin unserem Team sehr dankbar. Alle standen voll hinter uns und haben mich bestmöglich unterstützt – und tun das noch immer. Natürlich war meine Erkrankung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock. Auch mein Mann hat mir sehr den Rücken freigehalten. Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar. Und ich bin sehr glücklich, dass wir unser Unternehmen gemeinsam führen und auch beruflich so ein gutes Team sind. Anders hätte ich gar nicht die Möglichkeit gehabt mich etwas mehr rauszunehmen.

Konnten Sie während der Behandlung weiterarbeiten?
Ich habe tatsächlich während der gesamten Chemotherapie reduziert gearbeitet. Erst nach der letzten Behandlung merkte ich: Jetzt brauche ich eine Pause. Und diese Pause ist noch nicht ganz vorbei. Natürlich mache ich immer wieder etwas, aber nach wie vor sehr reduziert. Den klassischen Firmenalltag schaffe ich noch nicht.

Was hilft Ihnen heute, mit Angst umzugehen?
Mein Leitsatz seit der Diagnose lautet: Lebe im Hier und Jetzt. Heute ist heute und morgen ist morgen. Das gelingt mir nicht jeden Tag gleich gut. Aber ich bin jetzt gesund – warum sollte ich meine gesunden Tage damit verbringen, darüber nachzudenken, dass ich irgendwann wieder krank werden könnte? Der Krebs wird wahrscheinlich noch lange ein Teil von mir sein. Aber ich möchte nicht zulassen, dass er mein gesamtes Leben bestimmt.

Mein Leitsatz seit der Diagnose lautet: Lebe im Hier und Jetzt.

Julia Speiser

Was hat Ihnen im vergangenen Jahr besonders gutgetan?
Ich bin viel spazieren gegangen. Das geht fast immer und die Natur tut einfach gut. Ich habe gelernt, die guten Tage ganz bewusst zu genießen. Früher war Gesundheit für mich selbstverständlich. Ich dachte: Ich lebe gesund, warum sollte ich krank werden? Heute weiß ich, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Und vieles, worüber ich mich früher aufgeregt habe, erscheint mir mittlerweile völlig nebensächlich.

Welche Reaktionen haben Sie besonders gestört?
Am meisten hat mich der automatische Versuch mancher Menschen genervt, eine Erklärung für meine Erkrankung zu finden: Ich sei Unternehmerin, würde zu viel arbeiten, hätte zu viel Stress und Druck. Natürlich habe ich mich gefragt: Warum ich? Irgendwann sagte jemand zu mir: “Warum du nicht?” Das hat mir geholfen, die Situation anders zu sehen. Klar gibt es Dinge, mit denen wir unser Krebsrisiko beeinflussen können. Aber wir können es nicht auf null setzen. Du kannst Sport machen, gesund essen, auf dich achten und vieles richtig machen. Und trotzdem Krebs bekommen.Aber Krebs ist kein Strafzettel dafür, dass man im Leben falsch abgebogen ist. Eine solche Diagnose bedeutet nicht, dass man zuvor alles falsch gemacht hat.

Hat die Diagnose Ihren Blick auf Ihr bisheriges Leben verändert?
Ich habe gelernt, die Erkrankung als Schicksalsschlag anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Aber ich möchte deshalb nicht mein gesamtes Leben verändern, denn ich hatte davor auch ein schönes und glückliches Leben. Natürlich sehe ich heute vieles anders und weiß vieles mehr zu schätzen. Vor allem habe ich gelernt, dass ich nicht alles kontrollieren kann. Aber ich kann beeinflussen, worauf ich meinen Fokus richte und wie ich mit schwierigen Situationen umgehe. Und ich glaube heute noch stärker daran, dass Optimismus nichts ist, was man hat oder nicht hat. Optimismus ist eine Entscheidung. Und diese Entscheidung trifft man vor allem an den schlechten Tagen.

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© Ines Thomsen

Was möchten Sie Frauen sagen, die aus Angst ihre Vorsorgeuntersuchung aufschieben?
Das Schlimmste, was du machen kannst, ist, eine Vorsorgeuntersuchung aufzuschieben – ganz besonders, wenn du bereits etwas spürst. Die Taktik “Augen zu, es wird schon nichts sein” ist gefährlich. Vorsorge schützt uns nicht davor, Krebs zu bekommen. Aber Früherkennung kann entscheidend dafür sein, wie gut eine Erkrankung behandelbar ist. Gerade bei meiner aggressiven Krebsform war es unglaublich wichtig, dass sie früh entdeckt wurde.

Und was möchten Sie Frauen sagen, die gerade selbst die Diagnose Brustkrebs erhalten haben?
Du bist nicht allein. Viele Menschen mussten diesen Weg bereits vor dir gehen und führen heute wieder ein gesundes und glückliches Leben. Du darfst traurig sein und Angst haben. Aber lass diese Diagnose nicht dein ganzes Leben übernehmen. Rückblickend glaube ich nicht, dass ich diesen Weg geschafft habe, weil ich jeden Tag stark war. Aber mein Optimismus war es.

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