Autismus: Frauen werden oft übersehen
Autismus wird noch immer vorwiegend männlich gedacht. Die gebürtige Linzerin Nina Niedereder erhielt ihre Diagnose erst als Erwachsene und hat über ihren Weg ein Buch geschrieben.
Nina Niedereder © privat
Wer an Autismus denkt, hat oft noch immer den Film „Rain Man“ oder einen kleinen Buben vor Augen, der nicht spricht, mit den Händen flattert, Züge liebt oder ein außergewöhnliches Talent für Mathematik hat. An eine erwachsene Frau mit Langzeitbeziehung und jahrelanger Berufserfahrung im Einzelhandel denken die wenigsten. Genau hier beginnt die Geschichte von Nina Niedereder.
Erste Hinweise kamen aus ihrem Umfeld.
Ein besonderer Anstoß schließlich von ihrem Partner: Er schickte ihr einen Podcast, in dem eine Autistin über Dating und Beziehungen sprach – und ihn dabei immer wieder an Nina erinnerte. Für die 34-Jährige, die heute in Wien lebt, begann damit der Weg zur Autismus-Diagnose. Im Interview spricht sie darüber, warum gerade Frauen so oft übersehen werden – und wie die Diagnose ihren Blick auf sich selbst verändert hat.
Frau Niedereder, wenn Sie heute zurückblicken: Welche Anzeichen gab es bereits in Ihrer Kindheit und Jugend, die damals niemand mit Autismus in Verbindung gebracht hat?
Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die viele Anzeichen nicht pathologisiert hat, sondern einfach liebenswert fand. Zum Beispiel habe ich Spielzeug aufgereiht, was meine Mutter als große Ordnungsliebe gedeutet hat. Ich war ein Bücherwurm und wurde ermutigt, meinen Interessen nachzugehen. Die Tatsache, dass es mir furchtbar schwergefallen ist, mit Gleichaltrigen zu interagieren, dass ich Schwierigkeiten mit meinem Essverhalten oder lauten, hektischen Orten hatte, wurden zwar wahrgenommen aber da ich flüssig sprechen konnte und gut in der Schule war, war ja augenscheinlich alles in Ordnung.
Vor Ihrer Autismus-Diagnose wurden bei Ihnen unter anderem Borderline, Depressionen und Panikattacken diagnostiziert. Wie war es für Sie, so lange keine Erklärung zu haben, die all Ihre Schwierigkeiten wirklich einordnen konnte?
Die psychiatrischen Diagnosen, die ich erhalten habe, schienen ja zum fraglichen Zeitpunkt irgendwie plausibel zu sein. Keine davon hat wirklich alle meine „Special Effects“ erklärt, aber ich habe grundsätzlich auf das medizinische Personal vertraut, das die Diagnosen gestellt hat. Als ich dann aber endlich die Autismus-Diagnose erhalten habe, war es eine große Erleichterung, nun wirklich für all die kleinen und großen Dinge eine Erklärung zu haben, die ich bis dahin nicht einordnen konnte. Ein großer Aha-Effekt, wenn man so will.
Ich habe die Diagnose nach ausgiebigen Tests und Gesprächen von einer klinischen Psychologin erhalten.
Nina Niedereder
Sie beschreiben im Buch auch das sogenannte „Masking“ – also das Anpassen und Verbergen autistischer Eigenschaften. Wie hat sich dieses ständige Anpassen bei Ihnen gezeigt und was hat es mit Ihnen gemacht?
Masking ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits hilft es mir, im Alltag und im Beruf nicht aufzufallen. Ich achte bewusst auf meine Mimik, meinen Tonfall und meine Körpersprache und versuche, mich so zu verhalten, wie es gesellschaftlich erwartet wird. Das kann mir Türen öffnen, ist aber gleichzeitig unfassbar anstrengend. In einem Gespräch muss ich zum Beispiel störende Sinneseindrücke ausblenden, mein eigenes Verhalten kontrollieren und gleichzeitig mein Gegenüber beobachten. Ich muss vieles bewusst tun, was bei anderen ganz automatisch abläuft. Diese permanente „Performance“ kostet enorm viel Energie – und kann sogar dazu führen, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wer man unter dieser Maske eigentlich ist.
Eine 2022 veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent der Mädchen mit Autismus bis zum Alter von 18 Jahren nicht diagnostiziert werden. Warum werden Mädchen und Frauen so häufig übersehen?
Das hat mehrere Gründe und es wird auch laufend dazu geforscht. Einerseits nimmt man an, dass Mädchen oft erfolgreicher maskieren, weil sie schon früh lernen, sich stärker anzupassen um soziale Regeln einzuhalten. Oft werden Dinge einfach auch anders interpretiert: Es gibt ja dieses Klischee, dass autistische Jungs sich brennend für Züge interessieren. Ein Mädchen, dessen Spezialinteresse zufällig gesellschaftlich akzeptiert ist – wie etwa eine intensive Begeisterung für eine Boygroup – bleibt vielleicht einfach unter dem Radar.
Welche Dinge, die für andere ganz selbstverständlich sind, können für Sie im Alltag zur großen Belastung werden?
Tatsächlich ist eine der größten Herausforderungen der ganz alltägliche Einkauf. In meinem Buch beschreibe ich, wie es mir ergeht, wenn ich einen Supermarkt betreten muss. All die Eindrücke, die dort auf mich einprasseln, können mich an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Oft habe ich einfach auch nicht genug mentale Ressourcen für soziale Kontakte. Während andere ganz selbstverständlich nach Feierabend mit Freundinnen und Freunden etwas trinken gehen, ist das für mich unter Umständen ein Kraftakt, der sich einfach nicht ausgeht.
Tatsächlich ist eine der größten Herausforderungen der ganz alltägliche Einkauf.
Nina Niedereder
Welches Vorurteil über Autismus würden Sie am liebsten aus der Welt schaffen?
Dass autistische Menschen nicht empathisch sind. Empathie funktioniert bei uns unter Umständen anders, weil wir beispielsweise mehr Informationen brauchen, um zu verstehen, was in anderen vorgeht. Empathie sieht bei mir häufig nicht so aus, dass ich emotional werde, sondern so, dass ich oft nachfrage, wie es einer Person geht und versuche, Lösungen für ihr Problem zu suchen. Damit will ich zeigen, dass mir die Person und ihr Wohlergehen wichtig sind. Deshalb finde ich unfair, wenn Autistinnen und Autisten als gefühlskalte Roboter abgestempelt werden.
Was hat sich durch die Diagnose für Sie persönlich verändert?
Ich bin gnädiger mit mir geworden. Zu verstehen, warum manche Dinge mich viel stärker fordern als andere, erlaubt es mir, Pausen einzulegen, meinen Alltag so zu gestalten, dass er mich nicht zu viel Kraft kostet. Ich darf um Unterstützung bitten und habe auch mehr Vokabular, um zu erklären, wo meine Schwierigkeiten liegen und dass ich mir diese auch nicht einbilde oder absichtlich „schwierig“ bin.
Wo haben Sie schließlich die richtige Diagnose bekommen – und an wen können sich Menschen wenden, die bei sich selbst oder bei ihrem Kind Autismus vermuten?
Ich habe die Diagnose nach ausgiebigen Tests und Gesprächen von einer klinischen Psychologin und ihrem Team erhalten. Es muss einem bewusst sein, dass die Wartelisten für eine Autismus-Diagnostik sehr, sehr lang sind – bei mir war es ungefähr ein Jahr. Die Anlaufstellen variieren von Bundesland zu Bundesland. Gerade für Erwachsene, die vermuten, autistisch zu sein und das abklären lassen möchten, empfehle ich jedenfalls, eine Ansprechperson zu suchen, die Erfahrung mit der Diagnostik von Erwachsenen hat, da auch ausgebildete Psychologinnen Schwierigkeiten damit haben können, Autistinnen und Autisten zu identifizieren, die sehr erfolgreich maskieren.
Buchtipp:

In ihrem Buch erzählt Nina Niedereder humorvoll, kritisch und schonungslos offen von einem Leben voller Missverständnisse, Masking und Fehldiagnosen. Dabei räumt sie mit hartnäckigen Klischees auf und zeigt, warum im Autismus-Spektrum besonders Frauen häufig übersehen werden.
Paperback, 216 Seiten,
ISBN: 978-3-218-01522-6
Kremayr & Scheriau
Euro 25,–
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