Susanne Kindlinger © Dominik Derflinger

Susanne Kindlinger: Pflegerin des Jahres 2026

Seit fast 20 Jahren arbeitet Susanne Kindlinger (41) als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Pflegeverantwortliche bei Assista in Altenhof.

9 Min.

Susanne Kindlinger, Pflegerin des Jahres 2026, arbeitet bei Assista in Altenhof.

Im Coverinterview spricht Susanne Kindlinger über Selbstbestimmung in der Pflege, emotionale Abschiede – und warum sie ihren Beruf trotz mancher Herausforderungen als „unglaublich sinnstiftend“ empfindet.

Assista begleitet seit beinahe fünf Jahrzehnten Menschen mit körperlichen und/oder neurologisch bedingten Behinderungen und setzt dabei konsequent auf Selbstbestimmung, Teilhabe und ein Leben auf Augenhöhe. Rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen an mehreren Standorten in Oberösterreich etwa 350 Menschen – von individuellen Wohnformen über Therapieangebote bis hin zu Arbeit und Inklusion.

Begleitungs bis ans Lebensende

Im Wohnverbund in Altenhof begleitet Susanne Kindlinger gemeinsam mit ihrem Team Menschen oft über viele Jahre hinweg – teilweise bis an ihr Lebensende. Als Pflegeverantwortliche trägt sie nicht nur fachlich große Verantwortung, sondern prägt mit ihrer lebensfrohen und wertschätzenden Art auch das tägliche Miteinander. Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde sie nun von den Leserinnen und Lesern der OBERÖSTERREICHERIN via Onlinevoting zur „Pflegerin des Jahres 2026“ gewählt.

Liebe Susanne, herzlichen Glückwunsch zum Titel „Pflegerin des Jahres 2026“. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Es ist eine große Wertschätzung mir gegenüber – für die Art, wie ich meine Arbeit verrichte und was ich leiste. Dass das gesehen wird, ist schon etwas sehr Schönes.

Sie arbeiten seit fast 20 Jahren als DGKP und Pflegeverantwortliche bei Assista. Was hat Sie damals dazu bewegt, in die Pflege zu gehen?
Mein ganzes Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, war sehr sozial geprägt – angefangen bei meinen Eltern bis hin zu meiner Schwester, die heute ebenfalls Krankenschwester ist. Meine Mama sagt außerdem, dass ich mich schon immer für „die Schwächeren“ eingesetzt habe.

Also war Ihr Berufsweg quasi vorgezeichnet?
Eigentlich wurde es mir ein Stück weit in die Wiege gelegt, wobei ich lange nicht wusste, wo es mich beruflich hinziehen würde. Ursprünglich wollte ich eher in die Wirtschaft gehen und in einem Büro arbeiten. Meine Eltern haben dann gemeint, ich solle mir doch einmal den Sozialbereich ansehen. Das habe ich gemacht und bin geblieben (lacht).

© Dominik Derflinger
Als Pflegerin und Pfleger des Jahres 2026 zieren Susanne Kindlinger und Simon Atteneder das Juni-Cover der OBERÖSTERREICHERIN. © Dominik Derflinger

Assista begleitet Menschen mit körperlichen und/oder neurologisch bedingten Behinderungen. Wollten Sie immer schon in diesem Bereich arbeiten?
Nein, das war nicht geplant. Nach meiner Ausbildung zur Diplomkrankenschwester bei den Diakonissen in Linz wollte ich ursprünglich in einem Krankenhaus arbeiten. Eine chirurgische oder interne Abteilung hatte ich damals bereits in Aussicht, allerdings war das nur eine Teilzeitstelle, und ich wollte einen Fulltime-Job. Bei Assista hatte ich zuvor ein längeres Praktikum gemacht, das mir sehr gut gefallen hat. Das war mein Plan B. Also habe ich mich beworben und wurde tatsächlich gleich genommen.

Was hat Ihnen bei Assista gefallen?
Vor allem der sehr würdevolle und menschliche Umgang mit den Klientinnen und Klienten.

Bei Assista gibt es unterschiedliche Bereiche. Wo genau sind Sie tätig?
Wir sind eines von sechs Häusern im Assista-„Dorf“ in Altenhof. Jedes Haus hat zwei Ebenen, auf jeder Ebene leben zwölf Klientinnen und Klienten. Jeder Bewohner hat eine eigene kleine Wohnung mit Vorraum, Badezimmer, Wohnbereich und Balkon. Die meisten Menschen, die bei uns einziehen, bleiben bis zu ihrem Lebensende. Wir übernehmen die komplette umfassende Betreuung und Pflege.

Für wie viele Bewohnerinnen und Bewohner sind Sie verantwortlich?
Ich bin medizinisch und pflegerisch für 24 Personen verantwortlich. Wir arbeiten in zwei Teams mit jeweils rund 14 Kolleginnen und Kollegen. Insgesamt sind wir – inklusive Reinigungskräften, Zivildienern und Praktikantinnen sowie Praktikanten – etwa 30 bis 35 Personen.

Das bedeutet Betreuung rund um die Uhr?
Genau. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.

Ich sehe es als großes Geschenk an, wenn ich Menschen bis zuletzt begleiten darf.

Susanne Kindlinger

Gibt es einen typischen Arbeitstag?
Eigentlich nicht. Mein Arbeitstag beginnt meistens mit der Frage: Was kommt heute auf mich zu? Am geregeltesten ist das Wochenende, wenn ich Pflegedienst habe. Sonst reicht mein Aufgabenbereich als Pflegeverantwortliche von klassischer Pflege über Organisation bis hin zu Visiten, Begleitung bei Arztterminen sowie die gesamte Pflegedokumentation.

Was macht die Arbeit mit Menschen mit Behinderung für Sie so besonders?
Menschen mit Behinderungen wird von der Gesellschaft oft ein Stempel aufgedrückt. Wenn man erzählt, dass man im Behindertenbereich arbeitet, haben viele sofort ein bestimmtes Bild im Kopf. Ich kann nur sagen: Es sind einfach tolle Persönlichkeiten, die in ihrem Alltag Unterstützung brauchen.

Viele Bewohnerinnen und Bewohner leben bis an ihr Lebensende bei Assista. Wie emotional ist es, Menschen so lange zu begleiten – und irgendwann auch Abschied nehmen zu müssen?
Ich sehe es als großes Geschenk an, wenn ich Menschen bis zuletzt begleiten darf. Meine letzten Begleitungen waren zwar sehr intensiv, aber auch sehr schön. Ich sehe dabei nicht nur das Traurige. Wenn man Menschen so lange begleitet hat, kennt man ihre ganze Lebensgeschichte – und lässt diese gemeinsam noch einmal aufleben.

Gibt es Begegnungen, die Sie bis heute besonders berühren?
Da gibt es viele. Besonders geprägt hat mich jedoch „Fredl“. Er war mein erster Klient, bei dem ich auch die Bezugspersonenbetreuung übernommen habe. Dabei geht es um weit mehr als nur Pflege – man begleitet Menschen auch in ihrer Freizeit oder bei wichtigen Angelegenheiten. Mit ihm durfte ich unglaublich viel erleben. Er war für mich eine große Stütze und hat mir geholfen, meinen Platz im Beruf und auch in meiner Funktion als Pflegeverantwortliche zu finden.

Ist er mittlerweile verstorben?
Ja. Leider konnte ich in seinen letzten Stunden nicht bei ihm sein. Das hat den Abschied für mich noch schwieriger gemacht.

Wie gehen Sie mit Verlusten um?
Wir sprechen im Team darüber und nehmen regelmäßig an Supervisionen teil. Das hilft sehr.

© Mirja Geh
Assista setzt stark auf Selbstbestimmung und Teilhabe. Susanne Kindlinger schätzt vor allem das familiäre Miteinander. © Mirja Geh

Die Anforderungen in der Pflege werden komplexer – medizinisch, organisatorisch und menschlich. Wie schaffen Sie es, den Überblick zu behalten?
Die Herausforderungen im Pflegebereich sind überall sehr groß. Ich habe jedoch das Glück, in einem Bereich zu arbeiten, in dem es viel Miteinander gibt. Mit unseren Bewohnerinnen und Bewohnern haben wir ein sehr familiäres Umfeld. Den Personalmangel spüren wir natürlich auch. Unser Pflegealltag ist nie gleich und verändert sich ständig. Wenn dann zusätzlich Kolleginnen und Kollegen ausfallen, wird es schon sehr herausfordernd. An dieser Stelle möchte ich aber auch meine Familie erwähnen, die mir immer den Rückhalt gibt und es ermöglicht, meinen Beruf in dieser Form auszuüben.

Sie haben zahlreiche Zusatzausbildungen absolviert – unter anderem als Pain Nurse und Kinästhetik-Tutorin. Können Sie uns einen Einblick geben?
Schmerz ist etwas sehr Individuelles und kann auf unterschiedlichen Ebenen wahrgenommen werden. Ziel einer Pain Nurse ist es, Schmerzen bestmöglich zu behandeln, damit Patientinnen und Patienten möglichst schmerzfrei leben können. Wenn das nicht vollständig erreicht werden kann, geht es darum, Schmerzen so gut wie möglich zu lindern und den Betroffenen die passende Unterstützung zu geben – etwa durch Medikamente, Hilfsmittel und individuelle Betreuung. So sollen sie im Alltag möglichst wenig eingeschränkt sein.

Ich habe das Glück, in einem Bereich zu arbeiten, in dem es viel Miteinander gibt.

Susanne Kindlinger

Was macht eine Kinästhetik-Tutorin?
Von dieser Fortbildung profitiere ich enorm, da sie mir den Pflegealltag erheblich erleichtert. Etwa bei der Mobilisation oder bei Rollstuhlanpassungen, für die ich ebenfalls zuständig bin. Ich weiß dadurch, worauf man achten muss und wie man Bewegungen möglichst angenehm und sicher gestalten kann. Gerade wenn Probleme beim Mobilisieren auftreten oder sich jemand etwa den Fuß bricht, überlegen wir gemeinsam: Wie können wir die Person trotzdem gut aus dem Bett bringen? Welche Möglichkeiten gibt es, wenn ein gewohnter Bewegungsablauf plötzlich nicht mehr funktioniert?

Assista setzt stark auf Selbstbestimmung und Teilhabe. Wie erleben Sie das im täglichen Miteinander mit den Bewohnerinnen und Bewohnern?
Ich finde das sehr positiv, auch wenn es manchmal herausfordernd ist – vor allem, wenn man in der Rolle des „Betreuers“ ist. Aber bei uns funktioniert dieses Prinzip sehr gut. Oft haben wir eher eine beratende Funktion, die Entscheidung trifft letztlich der Klient oder die Klientin selbst. Wenn jemand „Nein“ sagt, dann ist das zu akzeptieren. Und wenn jemand sagt: „Ich möchte heute nicht aufstehen“, dann versuchen wir, dies auch zu ermöglichen – natürlich nur, sofern unsere Abläufe dadurch nicht zu sehr beeinträchtigt werden. Grundsätzlich bemühen wir uns jedoch, die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner bestmöglich und individuell umzusetzen.

Unsere Gesellschaft ist im Umgang mit Menschen mit Behinderung oft unsicher. Was wünschen sich Betroffene Ihrer Meinung nach am meisten?
Definitiv kein Mitleid. Sondern Offenheit und Teilhabe am ganz normalen Leben.

© Dominik Derflinger
Beim Covershooting in der Knipserei in Linz tauschten sich Susanne Kindlinger und Simon Atteneder intensiv über ihre Berufe aus. © Dominik Derflinger

Gab es in Ihrer Laufbahn auch Momente, in denen Sie gezweifelt haben?
Natürlich gab es herausfordernde Zeiten, in denen man sich gefragt hat: „Was kommt in Zukunft noch alles auf uns zu?“ Oder auch die Abschiede von Bewohnerinnen und Bewohner. Trotzdem ist Pflege für mich eine unglaublich sinnstiftende Tätigkeit – ein wirklich cooler und auch sicherer Job, was heute ebenfalls wichtig ist. Man entwickelt sich auch persönlich ständig weiter und bleibt nie stehen. Genau das macht den Beruf für mich so besonders.

Menschen mit Behinderungen wünschen sich definitiv kein Mitleid. Sondern Offenheit und Teilhabe am ganz normalen Leben.

Susanne Kindlinger

Wie gut lässt sich der Pflegeberuf mit dem Privatleben und der Familie vereinbaren?
Natürlich haben wir Dienste an Wochenenden und Feiertagen sowie Früh-, Spät- und Nachtdienste. Trotzdem lässt sich der Beruf insgesamt gut mit Familie und Kindern vereinbaren. Mir ist es dennoch wichtig, dass traditionelle Feste wie Weihnachten und Ostern auch im beruflichen Alltag ihren Platz haben. Bei uns im Haus ist es Tradition, diese Feste gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten zu feiern. Das gehört einfach dazu.

Sie wurden in der Nominierung als lebensfroh, präsent und als tragende Säule des Hauses beschrieben – fachlich wie menschlich. Was ist Ihnen im Umgang mit Bewohnern, Angehörigen und Ihrem Team besonders wichtig?
Mir ist vor allem ein respektvolles Miteinander wichtig – ohne Vorwürfe oder gegenseitige Anschuldigungen. Dass man immer wieder gemeinsam hinterfragt: Was braucht es gerade? Und auch ehrlich absteckt: Was können wir leisten, wie können wir bestmöglich unterstützen? Dieses Miteinander ist für mich die Basis guter Pflege.

Das könnte Sie auch interessieren:

Die Pflegekräfte des Jahres 2026 stehen fest: Wir gratulieren!

FH Gesundheitsberufe OÖ: Ausbildung mit Mehrwert

Abo

Wählen Sie Ihr persönliches Abo aus

×