Wie zwei Frauen den Himmel erobern: Dr. Silvia Dobler und Cornelia Marsch

Wie zwei Frauen den Himmel erobern

ÖAMTC-Flugrettungsnotärztin Dr. Silvia Dobler aus Wels und Präzisionsflug-Staatsmeisterin Cornelia Marsch im Interview.

7 Min.

© Ana Mrvelj

Dr. Silvia Dobler aus Wels rettet als Flugrettungsnotärztin Menschen in Extremsituationen. Cornelia Marsch aus Neuhofen im Innkreis fliegt in ihrer Freizeit Wettbewerbe, in denen es auf Sekunden, Orientierung und höchste Genauigkeit ankommt. Und doch verbindet sie etwas Grundlegendes: Beide Frauen kennen den Himmel nicht nur als Sehnsuchtsort, sondern als Raum, in dem volle Konzentration gefragt ist. Beide zeigen auch, wie selbstverständlich Frauen ihren Platz in Bereichen einnehmen, die lange als Männerdomänen galten. Und beide genießen ihn noch immer, diesen besonderen Blick von oben.

Vom Kindergarten in die Luftfahrt.

Cornelia Marsch arbeitet bei FACC als Program Engineer im Flugzeugbau. Ihr Weg dorthin war allerdings alles andere als geradlinig. „Ich habe ursprünglich die BAKIP gemacht“, erzählt sie. Die Ausbildung zur Elementarpädagogin – ein klassischer Weg, fern von Technik und Luftfahrt. Doch parallel dazu begann ihre Leidenschaft fürs Fliegen zu wachsen – ausgelöst durch den Film „Top Gun“. „Ich kann mich bis heute nicht daran satt sehen daran“, lacht sie.

Der Film ‚Top Gun‘ hat mich inspiriert. Ich kann mich bis heute nicht daran satt sehen!

Cornelia Marsch
Wie zwei Frauen den Himmel erobern: Pionierin Cornelia Marsch
Pionierin Cornelia Marsch © Privat

Von „Top-Gun“ Inspiriert.

Doch es bleibt nicht beim Träumen. Ihr Vater, Modellbauflieger und technikaffin, nimmt sie mit auf den Flugplatz nach Kirchheim. „Da hat jemand gefragt: Willst du es probieren? Und ich habe einfach Ja gesagt.“ Mit 15 beginnt sie mit dem Fliegen, mit 17 hat sie den Flugschein in der Tasche. Später entscheidet sie sich, ihre Leidenschaft auch beruflich zu vertiefen, und studiert Luftfahrttechnik an der FH in Graz. Heute ist sie bei FACC technische Verantwortliche für eine Baureihe. Ein Job, der Präzision verlangt – genau wie ihr zweites Leben im Cockpit.

Staatsmeisterin im Präzisionsflug.

Als Pilotin der Segel- und Sportfliegerei versteht Cornelia Marsch Flugzeuge nicht nur vom technischen Standpunkt aus, sondern ist seit vielen Jahren im nationalen und internationalen Wettbewerbssport aktiv. 2024 schreibt sie schließlich Geschichte und wird als erste Frau österreichische Staatsmeisterin im Präzisionsflug. Besonders bemerkenswert: Es gibt keine getrennte Wertung für Frauen und Männer.

Schnitzeljagd in der Luft.

Präzisionsflug klingt im ersten Moment unspektakulär, ist aber eine der anspruchsvollsten Disziplinen im Sportflug. „Wie eine Schnitzeljagd in der Luft“, beschreibt sie es. Punkte müssen exakt zu vorgegebenen Zeiten erreicht werden, dazu kommen Ziellandungen und Orientierungsaufgaben. Wer Präzisionsflug beherrscht, kann sich auch ohne moderne Technik orientieren und ein Flugzeug kontrolliert und sicher fliegen.

Rolemodel für Mädchen.

Ihre Leidenschaft fürs Fliegen bringt Cornelia Marsch auch in den Vorstand des Aero Club Oberösterreich. Dort ist sie für die Sektion Motorflug zuständig und engagiert sich für die Weiterentwicklung des Flugsports und die Förderung den Nachwuchs. Besonders am Herzen liegt ihr, Frauen für Technik und Luftfahrt zu begeistern. In Vorträgen und Workshops zeigt sie, dass Cockpits und technische Berufe keine reinen Männerwelten sind. Und die Statistik zeigt, wie wichtig dieses Engagement ist: In Österreich liegt der Frauenanteil bei Motor- und Segelflugpilotinnen bei rund fünf Prozent.
Auch ihr nächstes Ziel steht bereits fest: eine Medaille bei den Präzisionsflug-Weltmeisterschaften 2029 in Tschechien. Zweimal war sie international bereits knapp dran, zweimal belegte sie den vierten Platz. Jetzt soll der Sprung aufs Podest gelingen.

Gartendesignerin im Nebenberuf.

Spannend ist vor allem auch ihr Nebenberuf. Mit ihrer Firma „Die Gartenflüsterin“ hilft sie als Gartendesignerin Menschen ihren Wohlfühlgarten zu gestalten. Ein Job, der sie zurück auf den Boden bringt. „Das ist meine Erdung“, lacht sie.

Dr. Silvia Dobler: Schnelle Hilfe aus der Luft.

Dr. Silvia Dobler arbeitet seit 20 Jahren als Anästhesistin und Intensivmedizinerin. Seit acht Jahren betreibt sie eine Praxis für Allgemeinmedizin und Schmerztherapie in Wels. Doch regelmäßig tauscht sie diese planbare medizinische Arbeit gegen eine Welt, in der nichts planbar ist: die Flugrettung.

Seit zehn Jahren ist sie in der Flugrettung als Notärztin tätig, ihr Stammstützpunkt ist der Christophorus 17 in St. Michael in der Obersteiermark. Als Notärztin fliegt sie im gelben Heli mit und rettet Menschenleben. Ihr Weg dorthin begann vor 20 Jahren bodengebunden, als Notärztin am Notarztstützpunkt Linz-Land.
Ihren ersten Einsatztag vergisst die 45-jährige Medizinerin nie: zuerst ein Kindernotfall, dann 2 Schwerstverletzte im Rahmen von Verkehrsunfällen. Schon damals war klar, wie fordernd die Notfallmedizin ist, dennoch wagte sie den begehrten Schritt in die Flugrettung. „Es geht um die optimale Versorgung der PatientInnen, egal ob man jetzt mit einem Rettungswagen oder mit dem Hubschrauber zum Patienten kommt. Der Hubschrauber bringt natürlich Geschwindigkeitsvorteile für entlegene Gebiete. Die Faszination der Fliegerei ist für uns immer mit dabei“, so Silvia Dobler.

Man ist viel damit konfrontiert, dass das Leben sehr schnell anders oder vorbei sein kann.

Dr. Silvia Dobler
Wie zwei Frauen den Himmel erobern: Dr. Silvia Dobler
Ärztin Dr. Silvia Dobler © David Ertl

Am Seil über dem Abgrund.

Die Einsätze passieren oft dort, wo kein Rettungswagen hinkommt: im alpinen Gelände. Gerade in der Steiermark gehören Taubergungen zum Alltag. Am Seil in 50 Meter Höhe unter dem Hubschrauber zählt nur eines: Die perfekte Kooperation und Koordination im Team. Pilot, Flugretter und Notarzt bzw. Notärztin funktionieren als Einheit, in der sich jeder auf den anderen verlassen muss. Diese Einsätze verlangen nicht nur medizinisches Können, sondern auch körperliche und mentale Stärke. Und absolute Ruhe. „Die Angst darf nicht mitfliegen“, sagt Silvia Dobler. Wichtig ist der Respekt. Vor der Natur. Vor der Situation. Vor dem, was passieren kann.

Zwischen Leben und Tod.

Die Orte ihrer Einsätze könnten unterschiedlicher nicht sein: vom Wohnzimmer über steile Berghänge bis hin zur Autobahn. „Im Krankenhaus und speziell im Operationssaal herrschen perfekte Bedingungen, draußen muss sich die Crew anpassen – egal ob es laut ist, stürmt oder dunkel wird.“ Doch es sind nicht nur die äußeren Umstände, die fordern. Wer in der Flugrettung arbeitet, sieht viel. Schwerste Verletzungen. Akute medizinische Krisen. Menschen an Wendepunkten ihres Lebens. Manche können gerettet werden, manche nicht. Wie hält man das aus? „Wir reden darüber“, sagt Silvia Dobler. Nach jedem Einsatz setzt sich die Crew zusammen. Dieses Debriefing hilft. Dazu kommt die Erfahrung. Wer lange in der Medizin arbeitet, entwickelt einen professionellen Umgang mit Ausnahmesituationen. Dennoch: „Man ist viel damit konfrontiert, dass das Leben sehr schnell anders oder vorbei sein kann“, sagt Silvia Dobler.

Gesundheit erhalten.

Dies erklärt auch ihren Blick auf die Medizin insgesamt. Es schließt sich der Kreis zu ihrer Arbeit als Anästhesistin im Krankenhaus, als Allgemeinmedizinerin und Schmerzexpertin in der Ordination. Während in der Notfallmedizin jede Sekunde zählt und Entscheidungen oft sofort fallen müssen, bietet die Ordination den nötigen Raum für Zeit. Hier ist Silvia Dobler nicht die Retterin in der Akutsituation, sondern eine langfristige Begleiterin. „In der Ordination haben wir die Zeit, alles in Ruhe zu besprechen. Mein Ziel ist es, Patienten nicht nur zu behandeln, sondern sie als Beraterin dabei zu unterstützen, ihre Gesundheit und damit Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.“

Frauenanteil in der Medizin steigt.

Der Frauenanteil der Flugrettungsnotärztinnen des ÖAMTC liegt mittlerweile bei gut einem Drittel – Tendenz steigend. Vor allem auch, weil die Medizin allgemein weiblicher wird. Die Flugrettung galt lange Zeit als körperlich zu fordernde „Männerdomäne“, teilweise auch geprägt von militärischen Strukturen.
„Der Rettungshubschrauber beeindruckt einfach jeden“, sagt Silvia Dobler – „auch wenn niemand freiwillig mitfliegen möchte.“ Jungen Ärztinnen rät sie, dranzubleiben: „Der Weg ist lang, aber er lohnt sich.“ Entscheidend seien Empathie, Teamfähigkeit, Flexibilität und vor allem Ruhe in Extremsituationen.
Zwei Frauen – ein Himmel

Auch genießen können.

Was verbindet zwei Frauen, die in der Luft so unterschiedliche Aufgaben haben? Cornelia Marsch muss nicht lange überlegen: „Ich genieße es einfach, die Welt von oben zu sehen, aus einer anderen Perspektive“, sagt sie. Und auch Silvia Dobler kennt diese seltenen, stillen Momente – zwischen zwei Einsätzen, wenn für einen Augenblick nichts gefordert ist. „Wenn du dann einen Sonnenaufgang siehst, das ist ein magischer Moment“, schwärmt sie.
Es sind diese Augenblicke, in denen der Druck kurz nachlässt. In denen aus Verantwortung Leichtigkeit wird. Und vielleicht ist genau das ihre größte Gemeinsamkeit: Dass sie dort oben nicht nur funktionieren, sondern auch genießen können.

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