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Der Ort rückt digital zusammen

Newsadoo Gründer David über KI für Gemeinden

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Newsadoo-Gründer David Böhm © Antje Wolm

Ob Artikel in Tages- oder Wochenzeitungen oder aktuelle Facebook-Postings vom örtlichen Verein – mit den Newsstreams auf ihren Gemeindewebseiten werden 438 Gemeinden in Oberösterreich zum zentralen Infoknotenpunkt für die Bevölkerung. Die Technologie hinter der Gemeinde-News-Plattform stammt vom Linzer Techunternehmen Newsadoo. Im Interview hat uns Gründer David Böhm erklärt, wie sie funktioniert, bei den Usern ankommt und wie es mit der Transparenz aussieht. 

Kremsmünster war die erste von zwanzig oberösterreichischen Gemeinden, die die vollautomatischen News-Plattformen für ihre Regionen nutzen. Sechs Monate lang wurde die Plattform auf Herz und Nieren getestet, und sie hat mit Bravour bestanden. Zur Freude aller Beteiligten wurde das Projekt vor Kurzem sogar mit dem „Österreichischen Verwaltungspreis des Bundesministeriums“ ausgezeichnet. Das Ziel, den Informationsaustausch innerhalb von Gemeinden tagesaktuell zu automatisieren und dabei alle Vereine, Unternehmen und Organisationen im Ort ohne zusätzlichen Verwaltungsaufwand einzubinden, wurde erreicht. Mittlerweile nutzen 438 Gemeinden in Oberösterreich die Newsstreams. 

Herr Böhm, welche Möglichkeiten bietet die KI-Anwendung für die oberösterreichischen Gemeinden, Sportvereine und Tourismusregionen?
Wir haben die vergangenen fünf Jahre eigene, KI-basierte Technologien entwickelt, um mit News-Content datenbasiert und vollautomatisch umgehen zu können. Die Technologie ist für die Digitalisierung von Zeitungsverlagen genauso wichtig wie für viele Unternehmen und Organisationen, um in der Kommunikation effizienter zu werden und datenbasiert arbeiten zu können. Kurz gesagt: Wir bespielen Zielgruppen vollautomatisch mit relevanten News aus Quellen, die der Kunde nutzen möchte und die integriert sind in den Kanälen des Kunden, also in seinen Webseiten, Apps oder im Intranet. 

Wie darf man sich das genau vorstellen?
Wir extrahieren täglich aus rund 100.000 News-Beiträgen von über tausend Quellen alle Informationen, gewichten sie und setzen sie in Beziehung zueinander. So können wir zum Beispiel auch identifizieren, welche News-Beiträge innerhalb einer Gemeinde relevant sind. Das Ganze reichern wir zusätzlich mit regionalen Beiträgen von Sportvereinen, der Feuerwehr, der Kirche und anderen regionalen Organisationen an und spielen diese Beiträge automatisiert den Gemeinden zu, damit sie ihre Webseiten und Apps ohne Aufwand tagesaktuell relevanter machen können. 

Wie profitieren Gemeinden davon?
Die Gemeinden stärken ihren direkten, digitalen Draht zu den Bürgern, das bedeutet, dass sie die Webseite und die App tagesaktuell relevant machen, ohne dafür Zeit aufwenden zu müssen. Der ganze Ort rückt digital näher zusammen, weil man gegenseitig schneller und besser über das Geschehen informiert ist. Über die Gemeinde-News-Plattformen sind alle News der Vereine und Organisationen im Ort in Echtzeit gebündelt und in der gesamten Gemeinde verbreitet – ohne Zusatzaufwand, weil alles vollautomatisch läuft. 

Wie wurde das Projekt bisher angenommen?
In den ersten drei Monaten haben sich die Nutzungszahlen des Moduls in aktiven Gemeinden mehr als verdreifacht. Die Verweildauer auf den Gemeinde-Webseiten ist deutlich gestiegen. Es ist ein großartiges Projekt, das auf Initiative der Oberösterreichischen Raiffeisenbanken gemeinsam mit dem Gemeindebund, GEM2GO und der Gemdat OÖ auf die Beine gestellt wurde. 

Wir prüfen nicht die einzelnen Beiträge, sondern die Quellen, die wir ins System integrieren.

David Böhm

Wie können End-User das Angebot von Newsadoo zur Information nutzen?
Es gibt sehr viele Webseiten in Oberösterreich, wo Newsadoo verbaut ist, ohne dass es die User wissen. Wir haben auch für Unternehmen wie Lufthansa oder die ERSTE Bank News-Module entwickelt, die Mitarbeiter oder Kunden vollautomatisch mit relevanten News bespielen. Oder Branchennews, die zum Beispiel Raiffeisen im INFINITY Businessbanking für ihre Kunden oder die Wirtschaftskammer auf Fachgruppen-Webseiten für ihre Mitglieder ausspielt. Auch Parteien nutzen es, um ihren Mitgliedern die relevanten News aus dem Umfeld automatisch auszuliefern. Abgesehen davon gibt es unsere Gratis-App und auch eine Web-Anwendung unter newsadoo.com, wo man allen Zeitungen und Magazinen thematisch gebündelt oder personalisiert folgen kann – eine europäische Google-News-Alternative. 

Newsadoo ist quasi eine digitale Tageszeitung, bei der man die Lieblingsthemen aus den Lieblingsmedien wählen kann. Sie bieten aber auch Verlagen eine Möglichkeit, ihre Inhalte einfach und unkompliziert neuen Zielgruppen zugänglich zu machen. Welche Chancen bietet Künstliche Intelligenz für Unternehmen und Medienhäuser? 
Da muss man zwischen Generativer KI und zwischen datenbasierten Matching- und Empfehlungsalgorithmen unterscheiden. Beides bietet Unternehmen und Medienhäusern riesige Chancen. Das ist auch der Grund, warum wir uns seit fünf Jahren mit diesen Themen auseinandersetzen und Technologien entwickelt haben, die österreichischen und europäischen Verlagen sowie Unternehmen helfen, effizienter, unabhängiger und digitaler zu werden. KI ist wie ein Taschenrechner, nur, dass er nicht banale Rechnungen ausrechnet, sondern vielmehr Daten verarbeitet und selbstständig mehrere Rechnungen kombiniert und das Ergebnis auch Wörter und Empfehlungen sein können. 

Wie schaut es mit Transparenz aus?
Bei unseren KI-Methoden haben wir immer Wert auf interne Transparenz gelegt, sodass wir bei errechneten Empfehlungen auch nachvollziehen können, warum die Ergebnisse so sind und keine Blackbox erschaffen. Darin liegen die Chancen, denke ich, dass wir in Europa die Technologien selbst in der Hand haben, sie verstehen und weiterentwickeln. Nicht indem wir ein Google- oder Microsoft-Eingabefenster nutzen und dann meinen, wir sind damit innovativ und KI-Experten. Medienhäuser und Unternehmen, die jahrelang lobbyiert haben, damit die Politik gegen Google, Microsoft und Amazon vorgeht, sind gerade wieder dabei, jubelnd die Gratis-Tools ins Haus zu holen. Die Geschichte wiederholt sich möglicherweise blindlings, hier würde ich dann eher Risiken statt Chancen sehen. Die nächsten Monate werden sehr spannend. KI ist in vielen Bereichen ein Gamechanger im positiven Sinn, der seit Jahren absehbar war. Wer kluge Entscheidungen trifft, wird viel Freude damit haben.

Wo liegen die Grenzen?
Bei echter Intelligenz, bei sozialer Kompetenz und bei Empathie. Aber um diese Grenzen geht es gar nicht, da wir ja keine Menschen nachahmen oder ersetzen wollen. Unser Ziel liegt vielmehr darin, bessere Taschenrechner zu entwickeln, die aus ganz vielen Möglichkeiten die besten errechnen können. Wir sprechen von Mathematik, von vielen Daten und von Logik, das alles zu verknüpfen und in sich zu automatisieren – nicht mehr und nicht weniger. Im Fall von ChatGPT sprechen wir von unglaublicher Rechenleistung, ermöglicht durch unglaubliche Investitionen. 

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Newsadoo-Gründer David Böhm © Antje Wolm

Haben Sie dazu eine Zahl für uns?
Ja, sicher. ChatGPT kostet pro Tag 700.000 Euro nur an Rechenleistung, also reine Computerkosten. Da sind noch keine Personal- und Entwicklungskosten inkludiert, sondern nur die Computer, die benötigt werden, um diese Rechenleistung in dieser Geschwindigkeit zu bewältigen. Bisher sind das unsere Grenzen, denn in Oberösterreich sind wir schon extrem glücklich, wenn wir 700.000 Euro im Jahr für Forschung zur Verfügung haben – und zwar inklusive der Personalkosten. In Österreich und in Europa haben wir eine andere Mentalität. Wir schauen lieber beeindruckt in die Ferne und gönnen dem Nachbarn wenig. Amerika tickt da anders. Ein renommierter Chefredakteur einer österreichischen Tageszeitung hat einmal zu mir gesagt, dass es beeindruckend, schlau und sinnvoll sei, was wir machen. Würden wir allerdings aus Berlin oder London zu ihm kommen, wäre das wahrscheinlich eine größere Sache, aber wir kommen halt „nur“ aus Linz. 

So in Richtung: Der Prophet im eigenen Land ist nichts wert?
Ich denke, unsere Grenzen definieren wir immer selber, und in Österreich gibt es viele, die sich innerhalb der Grenzen wohler fühlen, als darüber hinauszugehen. Mit Mut und einem breiten Schulterschluss der österreichischen Verlage und mit international relevanten Investitionen könnten wir in Oberösterreich und Österreich die Grenzen deutlich verschieben. Das bedeutet aber Risiko und schnelle, intuitive Entscheidungen, und da gibt’s in Österreich meistens sehr schnell Grenzen. Sepp Hochreiter (Vorstand des Instituts für Machine Learning und Leiter des LIT AI Labs der JKU Linz) und Forschungseinrichtungen wie das SCCH oder RISC in Hagenberg und mehrere Unternehmen, wo ich uns auch dazuzähle, haben internationale Anerkennung und sind in KI-Bereichen ganz vorne dabei. Die Grenze ist hausgemacht, und gerade im Bereich KI sind die Grenzen auch die finanziellen Möglichkeiten.  

Abschießend noch eine Frage: Wer kontrolliert eigentlich die Beiträge? 
Wir prüfen nicht die einzelnen Beiträge, sondern die Quellen, die wir ins System integrieren. Die Quellen folgen journalistischen Standards, bei Unternehmensblogs gibt es immer ein klares und überprüfbares Impressum. So gewährleisten wir, dass kein anonymer Content oder Fake News ins System kommen. Uns ist die Vielfalt und die Unabhängigkeit der europäischen Medienlandschaft wichtig, und somit gibt es in unserer End-User-App Features, wie unsere Bundles, wo man mehrere Perspektiven von unterschiedlichen Medien zu einem Ereignis bekommt.  

Info

Newsadoo ist ein Hightech-Unternehmen mit Sitz in Linz, das sich auf die Entwicklung von auf Künstliche Intelligenz (KI) gestützten News-Systemen spezialisiert hat. www.newsadoo.com

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