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Schwere Erkrankungen wirken sich auf das gesamte Leben aus. Davon besonders betroffen ist auch die Sexualität. So kann eine Brustkrebserkrankung bei Frauen etwa eine regelrechte Körperkrise auslösen.
Die Art und Weise, wie Menschen ihre Sexualität gestalten, ist immer das Ergebnis eines Lernprozesses, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Viele positive wie negative Lebenserfahrungen, die Menschen im Laufe ihres Lebens machen, beeinflussen daher ihre Fähigkeit, Sexualität wahrzunehmen und zu gestalten.
Auch schwere Erkrankungen können einen solchen Einfluss haben. Insbesondere eine Krebserkrankung stellt in jedem Fall einen massiven Eingriff in die körperliche Integrität dar. Bei vielen Frauen löst eine Brustkrebserkrankung beispielsweise eine Art Körperkrise aus. Der Zugang zum eigenen Körper sowie das Selbstverständnis im Umgang mit ihm können dadurch erheblich ins Wanken geraten.
Wie Körperlichkeit bisher erlebt?
Es spielt natürlich eine Rolle, wie Menschen ihre Körperlichkeit vor einer solchen Diagnose erlebt haben und wie ihr Zugang zu ihrem Körper vorher war. Menschen, die von sich sagen, sie hätten einen guten Zugang zu ihrem Körper – das heißt, sie verfügen über eine ausgeprägte Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit – werden es vermutlich etwas leichter haben, die Krise der Krebserkrankung im Hier und Jetzt zu bewältigen, als solche, die schon immer ein Gefühl der Unsicherheit in Bezug auf ihren Körper hatten.
Auswirkungen auf Partnerschaft.
Eine solche Unsicherheit hinsichtlich der Körperlichkeit wirkt sich häufig auch auf Partnerschaften aus. Der Grund dafür ist, dass Menschen, die in ihrer Körperlichkeit stark verunsichert sind, fast schon auf Komplimente und positives Feedback aus ihrem Umfeld – insbesondere von ihrem Partner oder ihrer Partnerin – angewiesen sind. Eine Krebsdiagnose kann diese Unsicherheit noch verstärken. Auch für Partner*innen kann eine solche Verunsicherung überfordernd sein.
Diese Überforderung sowie die Tatsache, dass Berührungen während des Behandlungsprozesses oft seltener werden, können dazu führen, dass die nötigen Komplimente und Rückmeldungen weniger werden oder ganz ausbleiben. Dies kann wiederum eine Abwärtsspirale in Gang setzen.
Den als krank erlebten Körper zu berühren und berühren zu lassen, ist wichtig für die Verarbeitung einer Körperkrise.
Mag. Heidemarie König
Berühren und berühren lassen.
Den als krank erlebten Körper zu berühren und berühren zu lassen, wäre jedoch für die Verarbeitung der Körperkrise wichtig. Um eigene oder fremde Berührungen zulassen zu können, braucht es allerdings oft Zeit und manchmal auch professionelle Unterstützung – vor allem, wenn es sich um Brustkrebs handelt. Der Verlust einer vollen Brust ist für viele Frauen ein massiver Eingriff in ihre Identität. Obwohl die Gesellschaft nicht besonders dazu beiträgt, einen positiven Zugang zum eigenen Körper zu fördern, haben volle Brüste für viele Menschen einen großen Symbolwert.
Für Frauen, denen die gesellschaftliche Konstruktion des großen, festen, prallen Busens wichtig ist, kann der Verlust einer Brust destabilisierend und identitätsgefährdend sein. In solchen Fällen kann eine professionelle Begleitung durch außenstehende Personen eine wertvolle Hilfe sein.
Unterstützung von außen.
Auch Partner*innen von Krebspatientinnen kann Unterstützung wichtig und hilfreich sein. Die eigene Betroffenheit, wenn eine nahestehende Person eine so schwere Diagnose erhält, mit Außenstehenden besprechen zu können, ist sehr wertvoll. Ebenso sollten sich Paare weiterhin Inseln der Normalität schaffen, in denen sie trotz der Diagnose Krebs ein Stück Alltag leben können. Es geht nicht darum, die Krankheit zu verharmlosen oder zu verdrängen, sondern darum, einen Umgang mit der neuen Lebensrealität zu finden.
Wesentlich ist, dass den Betroffenen klar wird: Die Erkrankung ist ein Teil des Lebens, aber sie darf nicht den gesamten Raum in der Beziehung einnehmen. Wo finde ich als Einzelperson oder wo finden wir als Paar Inseln der Freude, der Entspannung und der Normalität? Das können manchmal schon kleine Dinge sein, wie ein Spaziergang, ein gemeinsamer Filmabend oder ein Kurzurlaub.
Neuen Körper akzeptieren lernen.
Nach einer überstandenen Krebserkrankung geht es darum, den eigenen – den neuen – Körper (wieder) anzunehmen. Dies ist jedoch ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Der Weg zur Akzeptanz des neuen Körpers kann Monate bis Jahre dauern. Zentral dabei sind regelmäßige Berührungen und Bewegung. Es geht um ein haptisches Lernen, um eine neue Körperintegrität zu erlangen. Gespräche allein reichen hierfür nicht aus; das Ansehen des Körpers spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die wichtigste Unterstützung, um ein neues Körperbewusstsein zu entwickeln, sind bewusste Berührung und Bewegung. Auch hier kann es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe und Begleitung zu suchen.
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