Editorial: Zu viel von Allem …
Wenn jemand weiß, wie sich „zu viel von Allem“ anfühlt, dann wir Frauen.
© Sarah Katharina Photography
Kennen Sie das? Der Kalender ist voller als der Kühlschrank zu Weihnachten. Das Handy summt wie ein Bienenstock. Zwischen Meeting, Muttersein, Freundinnen-Chat und dem guten Vorsatz, „auch noch an mich zu denken“, stellen wir uns irgendwann die leise Frage: War das eigentlich Leben – oder nur perfekte Organisation?
Zu wenig Echtes:
Vor kurzem landete das Buch „Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen“ von Psychiater Michael Lehofer in der Redaktion – und schon der Titel traf bei mir einen Nerv.
Denn seien wir ehrlich: Wenn jemand weiß, wie sich „zu viel von Allem“ anfühlt, dann wir Frauen. Wir managen, koordinieren, optimieren. Wir sind Multitasking-Meisterinnen mit To-do-Listen, die länger sind als die Zutatenliste einer Schwarzwälder Kirsch-Torte. Aber vielleicht liegt das Problem gar nicht im „zu wenig Zeit“, sondern im „zu wenig Echtes“.
Am Ende zählt nicht, wie sehr es gesprudelt hat, sondern wie sehr es uns berührt hat.
Ulli Wright
Wir sind permanent vernetzt und trotzdem manchmal einsam. Wir reden viel – und hören uns selbst kaum noch zu. Wir haben Optionen ohne Ende und dennoch das Gefühl, etwas zu verpassen.
Michael Lehofer nennt es die Verwechslung von Fülle mit Bedeutung. Ich nenne es: das Prosecco-Phänomen. Prosecco ist herrlich. Er prickelt, macht gute Laune, ist leicht. Aber wenn man zu viel davon trinkt, wird einem schwindlig. Genau so fühlt sich unser Leben oft an: Es sprudelt, es glitzert und plötzlich drehen wir uns schneller, als uns guttut.
Einfach nur das sein:
Das richtige Leben, so Lehofer, entsteht dort, wo wir uns berühren lassen – von Menschen, von Krisen, vielleicht auch von der eigenen Endlichkeit. Das klingt groß. Ist es auch. Aber es beginnt im Kleinen: Heute Abend vielleicht das Handy früher weglegen. Nicht vorausplanen, nicht vergleichen, sondern einfach nur da sein.
Und wenn es prickeln soll, gern ein Glas Prosecco. Als bewusste Feier eines Tages, der mehr war als nur Organisation. Denn am Ende zählt nicht, wie sehr es gesprudelt hat, sondern wie sehr es uns berührt hat.
Ihre Ulli Wright
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