Stift Schlierbach: Mit Frauenpower aus der Krise
Seit Herbst ist das Stift Schlierbach fest in Frauenhand: Karin Gondosch und Bettina Oberndorfer sollen es in eine moderne Zukunft führen.
Wirtschaftsdirektorin Karin Gondosch (r.) und Gastro-Chefin Bettina Oberndorfer. © Georg Schlemmer
Imposant thront das barocke Stift Schlierbach mitten im Ort. Es wurde im 17. Jahrhundert komplett neu errichtet – mit so großzügigen Dimensionen, dass diese in den vergangenen Jahren zur wirtschaftlichen Herausforderung geworden sind. So belaufen sich die Heizkosten in einem kalten Winter auf mehr als 20.000 Euro pro Monat. Dazu kommt, dass das Stift, in dem 23 Patres leben und 50 Mitarbeiter beschäftigt sind, selbsterhaltend wirtschaften muss.
Umstände, die dazu geführt haben, dass sich das Stift in einer schwierigen finanziellen Situation befindet, wie Abt Nikolaus Thiel offen einräumt. Heraus aus dieser Krise soll es nun mit Frauenpower gehen: Seit Herbst hat das Stift mit Karin Gondosch seine erste Wirtschaftsdirektorin. Ihr zur Seite steht Bettina Oberndorfer, die als Gastro-Chefin frischen Wind in das neu eröffnete Panorama-Café bringen soll.

Neue berufliche Herausforderung
Dort treffen wir uns auch zum Interview. Bei eigens für das Stift geröstetem Kaffee und mit herrlichem Blick auf den Magdalenaberg erzählt Karin Gondosch, warum sie diese Herausforderung so gereizt hat: „Ich war 25 Jahre lang als Bilanzbuchhalterin bei Steuerberatern tätig – zehn Jahre davon selbstständig. Voriges Jahr bin ich 50 geworden, und zu diesem Anlass wollte ich mir eine neue berufliche Herausforderung suchen. Und die habe ich hier definitiv gefunden!“
Als Wirtschaftsdirektorin ist sie für die gesamten Finanzen des Stifts zuständig. Dazu zählen neben der Verwaltung der Gebäude sowie der Land- und Forstwirtschaft auch das Panorama-Café, die Glaswerkstätte und das Bildungszentrum.
Digitalisierung alter Strukturen
„Die erste Herausforderung war, dass ich aus einer volldigitalisierten Welt komme und hier noch viele alte Strukturen bestehen“, erklärt Gondosch. „Ich habe gleich zu Beginn die gesamte EDV erneuert und versucht, so viel wie möglich zu digitalisieren.“ Ein Vorhaben, mit dem sie nicht überall auf Zustimmung stößt. „Manche Mitarbeiter konnten nicht nachvollziehen, warum diese Maßnahmen notwendig sind“, erinnert sie sich. „Das haben wir doch immer so gemacht – warum soll das jetzt anders werden? Solche Sätze habe ich nicht nur einmal gehört.“ Doch der neuen Wirtschaftsdirektorin war von Anfang an klar, dass sie da und dort auf Skepsis und Widerstand stoßen würde. Deshalb sind ihr offene Kommunikation und Teamarbeit besonders wichtig. Denn sie verfolgt ein klares Ziel: In den kommenden Jahren will sie die Finanzen des Stifts nachhaltig ordnen. Dabei hat sie die volle Unterstützung von Abt Nikolaus Thiel, der sich dringend frischen Schwung wünscht – und weiß, dass Veränderungen dazugehören. „Ich spüre schon jetzt, dass sich etwas bewegt, und freue mich, dass eine Frau einen völlig neuen Blick auf unser Stift mitbringt“, sagt er.
Auszeit im neuen Panorama-Café
Eine große Veränderung hat das Panorama-Café bereits erfahren: Es wurde modernisiert, umgebaut und um einen Seminarraum ergänzt. Statt Selbstbedienung in ungemütlicher Atmosphäre gibt es nun eigens gerösteten Kaffee, offenes Bier sowie regionale Mehlspeisen und Schmankerl. Verantwortlich dafür ist Bettina Oberndorfer. Mit ihrer langjährigen Erfahrung in der Gastronomie ist sie für Gondosch eine wertvolle Partnerin. „Wir kennen uns schon seit vielen Jahren – dass wir hier nun zusammenarbeiten, ist eine großartige Fügung“, sagt Oberndorfer. Und Gondosch ergänzt: „Bettina ist ein absoluter Glücksgriff! Ohne sie hätte ich vermutlich schon das Handtuch geworfen.“

Wirtschaftsbetriebe als Motor
Mit der Neueröffnung des Panorama-Cafés ist der erste Schritt in eine erfolgreiche Zukunft getan. Doch wie geht es weiter? „Mein Ziel ist es, dass unsere Wirtschaftsbetriebe das Stift künftig erhalten, ohne dass wir Land oder Besitztümer verkaufen müssen“, erklärt Gondosch. „Ein nächster Schritt ist deshalb, unsere Glaswerkstatt bekannter zu machen. Wir machen nicht nur aufwendige Restaurierungen von Kirchenfenstern – etwa für den Mariendom in Linz –, sondern bieten auch klassische Glaserarbeiten an. Man kann bei uns zum Beispiel eine Duschwand für sein Badezimmer bestellen. Ich denke, das haben bisher nicht viele Menschen gewusst.“
Und gibt es etwas, das Karin Gondosch gern vor ihrem Antritt gewusst hätte? Sie lacht: „Tatsächlich bin ich froh, dass ich nicht alles vorher gewusst habe! Die Arbeit hier ist spannend, eben weil ich nie genau weiß, was der Tag bringt. Ich plane meine Woche – aber wenn ich am Freitag zurückblicke, habe ich meistens etwas ganz anderes gemacht. Und genau das gefällt mir!“
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