“Heimat großer Töchter” – Ein Gespräch über Barbara Pacholiks Porträtsammlung
Gemälde gegen Backlash
© Barbara Pacholik
Maria Rösslhumer erscheint in einem blitzblauen Hosenanzug. Dass sie damit auffällt, kommt ihr gelegen: „Ich zeige Haltung gegen Gewalt an Frauen“, steht in großen Buchstaben auf ihrem Shirt. Im Anschluss an unser Interview wird sie ihren Trolley voller Infomaterial an diesem Samstag zu einem gut frequentierten Ort in der Stadt ziehen, um über „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ zu sprechen. Das Projekt brachte sie nach Österreich, seit 2024 leitet sie den gleichnamigen Verein. Davor war die Gewaltschutzexpertin unter anderem mehr als 25 Jahre lang Geschäftsführerin von „Autonome Österreichische Frauenhäuser“ (AÖF).
Seit Monaten beschäftigt Maria Rösslhumer insbesondere ein Fall: Ein dreijähriger Bub wurde trotz Gefährdungsmeldungen und Befunde, die auf eine mögliche Gefährdung durch den Vater hinweisen, der Mutter weggenommen – und dem Vater zugesprochen, schildert sie. Sie steht der Mutter, die um ihr Kind kämpft, zur Seite, im April initiierte sie eine Pressekonferenz. Dabei tat sie, was sie seit Jahrzehnten beharrlich tut: Sie kritisierte – unterstützt von weiteren Expert:innen –, dass staatliche Stellen bei Verdachtsfällen von häuslicher Gewalt unzureichend handeln.
„Beharrlichkeit“ ist eine der Eigenschaften, die Barbara Pacholik an jenen Frauen fasziniert, die sie in den vergangenen Jahren mit dem Pinsel porträtierte. 20 herausragende Persönlichkeiten umfasst ihre Sammlung „Heimat großer Töchter“ aktuell, Fortsetzung folgt. Inspiriert hatte sie dazu der feministische Podcast „Große Töchter“ der Autorin und Geschlechterforscherin Beatrice Frasl, die selbst zu Barbara Pacholiks Who-is-who auf Leinwand gehört. Die 20 Werke werden von 16. Juni bis 31. August im ÖGB-Catamaran gezeigt, das Ausstellungskonzept realisierte sie mit Perlentaucherin und „Wasser“-Verlagsgründerin Stefanie Jaksch; über QR-Codes hört man jeweils Auszüge aus den Gesprächen mit den Porträtierten.
Welche Ungerechtigkeiten treiben die Kämpferinnen an? Wie blicken sie auf die Gesellschaft von gestern, heute und morgen – und insbesondere auf das Leben von Frauen?
Diese Frauen erkennen, dass in unserer
Barbara Pacholik, Künstlerin
Gesellschaft etwas fehlt, dass etwas geändert
werden muss.

Im Gespräch mit Barbara Pacholik, Mireille Ngosso und Maria Rösslhumer
Barbara, du hast 20 Frauen porträtiert. Was verbindet „deine Töchter“?
Barbara Pacholik: Sie sind Frauen, die erkennen, dass etwas fehlt, dass etwas geändert werden muss. Viele von uns ärgert etwas, aber diese Frauen stellen etwas auf die Beine – und haben auch die Hartnäckigkeit dranzubleiben, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie glauben daran, dass das, was sie tun, wichtig für unsere Gesellschaft ist und das Zusammenleben für alle besser macht. Sie geben auch Randgruppen eine Stimme und zeigen der Mehrheitsgesellschaft auf, dass sie auch über den Tellerrand hinausschauen müssen.
Black Lives Matter und Anti-Rassismus-Arbeit
Mireille, du bist unter anderem Antirassismus-Aktivistin und warst Mitinitiatorin von „Black Lives Matter“. Was ist dein Antrieb – und wie gehst du mit Rückschlägen um?
Mireille Ngosso: Meine Eltern sind mit mir aus einem Land (Kongo, Anm.) geflohen, wo sie gegen das Regime gekämpft hatten. Dass ich nicht aufgebe, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, wurde mir sozusagen eingeimpft. Es gibt Rückschläge, die ich gut verkraften kann, und auch welche, an denen ich länger zu knabbern habe. So war es, als ich nach 14 Jahren aus der Politik raus bin. Da habe ich Therapie und Freundinnen zum Verarbeiten und Verkraften gebraucht. Ich musste mir irgendwann eingestehen, dass man nicht überall etwas bewegen, etwas verändern kann. Dass das System, in dem wir Frauen und vor allem Frauen mit Migrationshintergrund leben, für gewisse Dinge noch nicht bereit ist.
Backlash statt Fortschritt?
Die Beratungsstelle ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) wurde kürzlich im letzten Moment gerettet, danach wurde eine Hinweistafel abgerissen, die Organisation erhielt Hassnachrichten. Wie erlebst du das?
Mirelle: Es überrascht mich nicht. Unser System ist leider nicht weit genug, gegen Ungerechtigkeiten vorzugehen – oder sagen wir so: gegen gewisse Ungerechtigkeiten. Wie konnte ZARA gerettet werden? – Durch Geld für ihre Arbeit gegen Hass im Netz, aber nicht gegen Rassismus. Anti-Rassismus-Arbeit hat in Österreich kein Leiberl. Ich habe das in der Politik erlebt: Da hieß es: „Jetzt fängt die Mireille wieder mit ,ihrem‘ Rassismus an.“ Aber dass jede dritte Person in Österreich darunter leidet, Schwierigkeiten hat und ebenso auch Menschen, die Österreicher:innen und Teil dieser Gesellschaft sind, wird nicht gesehen.
Das klingt nach einem Rückschritt. Ist es schwieriger geworden?
Mireille: Ja, so ist es. Wir hatten mit „Black Lives Matter“ einen kurzen Moment; ich habe mit erhobenem Haupte gesagt: „Wir sind bald so weit, dass wir offen über Rassismus sprechen können – und dass wir sogar Betroffene sprechen lassen.“ Das war vor zwei, drei Jahren, das ist weg.
Wir müssen unsere Söhne feministisch erziehen, da geht sich kein sexistischer Witz aus.
Mireille Ngosso, Ärztin, Antirassismus-Aktivistin

“Not all men”?
Maria, wie blickst du zurück – und auf heute?
Maria Rösslhumer: Ich habe im Gewaltschutz zu einer sehr interessanten Zeit begonnen: 1997, als das Gewaltschutzgesetz etabliert wurde. Das war revolutionär, Österreich galt als vorbildlich: Die Polizei bekam die Möglichkeit, Gewaltausübende aus der Wohnung zu weisen, Frauen sollten zuhause bleiben können und nicht mehr flüchten müssen. Das ist fast 30 Jahre her – und noch immer flüchten jedes Jahr Hunderte Frauen mit ihren Kindern ins Frauenhaus. Wir brauchen nicht mehr Opferschutzplätze, wir müssen die Täter stoppen.
Barbara: Soziale Medien kommen als weitere Dimension dazu – und ich sehe, dass bis heute auch die Witze erzählt werden, die Frauenbilder so zementieren, dass sie entweder die Witzfigur, die Heilige oder die Hure ist. Kritisieren wir aber das System, fühlt sich sofort jeder Mann persönlich angegriffen.
Maria: Ich höre immer, „nicht jeder Mann“ – und sage: Nicht jeder Mann ist übergriffig, aber jeder Mann ist verantwortlich dafür, dass sich etwas ändert. – Gewalt beginnt schon in der Ungleichheit zwischen Männern und Frauen; innerhalb der EU haben wir einen der höchsten Gender Pay Gaps. Frauenfeindlichkeit sitzt in Österreich tief; es kann nicht sein, dass bis heute Täter, die Frau und Kinder tyrannisieren, ohne Konsequenzen bleiben und der Frau noch immer vermittelt wird: „Mach lieber nichts, sonst ist es womöglich noch gefährlicher.“ In Spanien werden Weggewiesene festgenommen, um eine intensive Gefährlichkeitseinschätzung zu machen – warum geht das nicht bei uns?

Female Health Gap
Mireille, du engagierst dich auch gegen Ungerechtigkeiten in der Medizin – wie kam es dazu?
Mireille: Als ich Ärztin wurde, bin ich vielen Patient:innen begegnet, die bei einigen Kolleg:innen waren, noch immer keine Diagnose hatten, und ich selbst war überfragt. Ich habe festgestellt: Das Meiste, das ich im Studium gelernt habe, geht von einem weißen heterosexuellen Mann mit 80 Kilo aus. Ich habe begonnen, mich intensiv weiterzubilden, habe beispielsweise Studien mit Schwarzen Menschen gelesen. Mit „MedInUnity“ haben wir einen interdisziplinären Verein gegründet, mit dem wir uns für Gendermedizin, für LGBTQI+- und migrantische Personen engagieren. Wir sammeln Studien, bilden Gesundheitspersonal weiter, möchten insbesondere Frauen empowern: Jedes Wissen macht dich im Gesundheitssystem stärker.
Gerechtigkeit im Privaten
Was können Eltern und Bildungseinrichtungen für mehr Gerechtigkeit leisten?
Mireille: Einerseits: Teach your son. Ich bin selber Bubenmama, natürlich müssen wir unsere Söhne feministisch erziehen – da geht sich auch der sexistische Witz im Biergarten nicht aus. Andererseits muss schon im Kindergarten angesetzt werden, mit entsprechenden Büchern und Spielzeug. Auch wenn er es noch nicht in Worte fassen konnte, wusste mein Sohn schon mit drei, vier Jahren, dass er als Schwarzes Kind nicht der Norm entspricht; ich hab gedacht, das wird erst mit 12, 13 Jahren der Fall sein. Aber Kinder checken sehr früh, wie unsere patriarchalen und rassistischen Strukturen funktionieren.
Barbara: Es ist sehr wichtig, sich aktiv auf die Suche nach „anderen“ Geschichten mit „anderen“ Familienkonstellationen zu machen. Kinder sollen so viele unterschiedliche Lebensmodelle wie möglich kennenlernen; Arwa Elabd, die ich auch porträtiert habe, hat sich mit ihrer Buchhandlung „bibliobox“ darauf spezialisiert. Natürlich gehört auch dazu, in einem Haushalt alle Tätigkeiten abwechselnd zu machen.
Nicht jeder Mann ist übergriffig, aber jeder Mann verantwortlich, dass sich was ändert.
Maria Rösslhumer, Gewaltschutzexpertin
Deine Kinder sind erwachsen, würdest du heute etwas anders machen?
Barbara: Wir haben Glück, wir haben eine gut funktionierende Partnerschaft und sind ein gutes Team – und trotzdem: Das Feedback meiner Tochter ist heute schon, dass sie die fürsorgliche Rolle übernommen hat, während ihr Bruder sich schon gerne beteiligt, aber sie muss es von ihm einfordern. Ich muss zugeben: Wir haben traditionelle Rollenbilder vorgelebt, aber heute findet auch durch meine Arbeit eine Sensibilisierung meines Partners statt. Wenn’s nicht so wäre, hätte ich ein Problem (lacht).
Verantwortung der Männer
Was wünscht ihr euch von Männern?
Mireille: Dass sie sich wirklich für uns einsetzen. Dass sie mit uns den intersektional feministischen Weg gehen, dass es kein „Wir gegen euch“ ist, sondern ein ehrliches Miteinander. Männer müssen Vorbilder für ihre Kinder werden – und Frauen auch die Türen öffnen und auch mal ihren Platz räumen, wenn sie sehen, dass sich eine Frau den Arsch aufgerissen hat und den Platz verdient. Das machen leider die wenigsten. Oft schafft es eine Frau, die dann häufig selber patriarchale Strukturen mitträgt, weil Aufmüpfige sind selten erwünscht.
Maria: Wenn er im Haushalt was tun soll, müssen viele Frauen noch immer bitten und betteln – und wenn ein Kind auffällig ist, ist sofort die Mutter schuld. Wo sind die Väter – als Vorbilder und in der Erziehung? Die Kids orientieren sich an Typen wie Andrew Tate: Wer Geld und Macht hat und frech ist, kommt weiter. Wie negativ die Auswirkung auf Frauen und die Gesellschaft überhaupt ist, wird zu wenig besprochen.
Ich bin dankbar, dass bei unserer StoP-Kampagne auch junge Männer dabei sind und dass es Projekte wie poika.at zur Förderung von gendersensibler Bubenarbeit gibt. Manchmal braucht es gar nicht so viel: Ein junger Mann hat kürzlich nur ein Plakat mit seinem Bild und dem Zitat „Ich toleriere keine Gewalt“ aufgehängt, damit kam er mit vielen Burschen ins Gespräch. Man stelle sich vor, in jeder Gemeinde würden solche Plakate mit dort bekannten Männern, sei es zum Beispiel der Bürgermeister, hängen. Schon das würde in den Köpfen viel bewirken.
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