Simon Atteneder: Pfleger des Jahres 2026
Simon Atteneder arbeitet als Pflegeassistent im Bezirksseniorenheim Freistadt.
Seine Ausbildung als Diplomierter Familienhefer hilft Simon auch im Job als Pflegeassistent. © Dominik Derflinger
Als Simon Atteneder seinen Zivildienst im Bezirksseniorenheim Freistadt begann, hätte er nicht gedacht, dass daraus einmal seine Berufung werden würde. Heute arbeitet der 26-jährige Diplom-Familienhelfer als Pflegeassistent im Bezirksseniorenheim Freistadt.
Im Bezirksseniorenheim Freistadt, in dem Simon Atteneder, der Pfleger des Jahres, arbeitet, stehen Gemeinschaft, Menschlichkeit und Lebensfreude im Mittelpunkt – ganz nach dem Motto: „Den Tagen Leben geben – nicht nur dem Leben Tage.“
Nähe zu den Menschen
In neun Wohngruppen werden die Bewohnerinnen und Bewohner nach dem Prinzip der Hausgemeinschaft begleitet. Gemeinsame Aktivitäten, Feste im Jahreskreis, Singrunden, Gottesdienste oder Begegnungen mit Kindern sorgen für Abwechslung und Miteinander.
Genau diese Nähe zu den Menschen ist es auch, die Simon Atteneder an seinem Beruf besonders schätzt. Mit viel Herz, Humor und Feingefühl begleitet er ältere Menschen durch ihren Alltag – und wurde dafür nun von den Leserinnen und Lesern der OBERÖSTERREICHERIN zum „Pfleger des Jahres 2026“ gewählt.

Lieber Simon, herzlichen Glückwunsch zum Titel „Pfleger des Jahres 2026“. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung persönlich?
Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet und war sehr überrascht. Ich habe mir gedacht, unter die Top 10 zu kommen, wäre wegen einem Gutschein vom Hotel Winzer schon richtig cool. Umso mehr habe ich mich dann gefreut – vor allem auch über die positiven Rückmeldungen aus meinem Umfeld. Egal ob privat oder im Heim: Alle haben sich mitgefreut.
Seit wann arbeiten Sie im Bezirksseniorenheim Freistadt und warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?
2018 habe ich dort meinen Zivildienst begonnen. Danach wollte ich Lehramt studieren. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, wie gut mir die Arbeit im Heim gefällt. Vor allem die Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern haben mich begeistert. Deshalb habe ich mich entschieden, in der Pflege zu bleiben und die dreijährige Ausbildung zum Diplom-Sozialbetreuer Familienarbeit zu machen. 2022 habe ich die Ausbildung abgeschlossen. Währenddessen habe ich Praktika in den unterschiedlichsten Bereichen gemacht – im Behindertenbereich, im Kinder- und Jugendwohnheim, im Krankenhaus und im Altenheim.
Warum haben Sie sich für die Ausbildung Diplom-Sozialbetreuer Familienarbeit entschieden?
Weil darin auch die Pflegeassistenz integriert ist und zusätzlich die Berufsberechtigung als Fach-Sozialbetreuer Behindertenarbeit enthalten ist. Außerdem ging es in der Ausbildung auch um kreative Ansätze. Man lernt nicht nur bezogen auf eine Altersgruppe, sondern bekommt ein breiteres Verständnis für Menschen und Bedürfnisse allgemein. Das hilft mir auch in meinem Job im Bezirksseniorenheim Freistadt sehr.
Viele denken an ein Altenheim und haben ein eher trostloses Bild im Kopf. Dabei gibt es bei uns viel Lebensfreude, Humor und schöne Momente.
Simon Atteneder
In Ihrer Nominierung stand auch, dass Sie Lebensfreude durch gemeinsames Kochen, Backen und Musizieren schaffen. Bleibt dafür ausreichend Zeit?
Zum Glück sind wir personell derzeit gut aufgestellt, dafür bin ich sehr dankbar. An den Nachmittagen nehmen wir uns bewusst eine Stunde Zeit für Beschäftigung mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Oft integrieren wir für die Seniorinnen und Senioren auch kleine Tätigkeiten in den Alltag, zum Beispiel Äpfel schälen. Dadurch fühlen sich viele wertgeschätzt und gebraucht.
In den Nominierungen wurde auch Ihre herzliche und positive Art hervorgehoben. Wie wichtig sind Humor, Nähe und Menschlichkeit in der Pflege?
Humor ist unglaublich wichtig. Viele denken an ein Altenheim und haben ein eher trostloses Bild im Kopf. Dabei gibt es bei uns viel Lebensfreude, Humor und schöne Momente. Ich merke immer wieder, wie viel Freude Bewohnerinnen und Bewohner an kleinen Dingen haben und wie gerne sie lachen. Wenn wir gemeinsam in den Demenzgarten oder den Park gehen und die Natur oder Tiere beobachten, kommen viele Erinnerungen hoch. Oder wenn man ein Lied anstimmt, das sie von früher kennen, singen sie plötzlich begeistert mit, obwohl sie sonst kaum reden.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Kinästhetik und geben Ihr Wissen auch im Team weiter. Warum ist diese Methode so wichtig?
In der Ausbildung habe ich schnell gemerkt, dass mich das Thema begeistert. Es geht darum, Bewegung bewusster wahrzunehmen – bei sich selbst und beim Gegenüber. Jeder Mensch bewegt sich anders und genau dort setzt Kinästhetik an. Es geht darum herauszufinden, welche Bewegung für den jeweiligen Menschen am besten passt und wie man ihn so unterstützen kann, dass es für beide Seiten leichter wird. Wenn jemand etwa von einem Sessel aufsteht, gibt es tausend Möglichkeiten. Die Frage ist: Welche Variante hilft diesem Bewohner am meisten und reduziert gleichzeitig die Anstrengung? Dieses Zusammenspiel finde ich unglaublich spannend.

Und ist wahrscheinlich auch für die Pflegekräfte eine Unterstützung?
Auf jeden Fall hat es mir persönlich enorm geholfen. Als ich vor fast vier Jahren im Heim zu arbeiten begonnen habe, hatte ich teilweise Rückenschmerzen. Heute habe ich deutlich weniger Beschwerden, weil man lernt, anders zu arbeiten und Dinge bewusster auszuprobieren.
Auch Validation spielt in Ihrer Arbeit eine große Rolle. Was bedeutet das konkret?
Validation ist kein Schema F. Es ist vielmehr ein Kommunikationsansatz. Das Wort kommt von „valere“ – etwas für gültig erklären. Gerade bei Menschen mit Demenz ist das enorm wichtig. Viele verarbeiten Dinge aus ihrem Leben noch einmal neu. Wenn jemand seine kleinen Kinder sucht, bringt es nichts zu sagen: „Du bist 90, deine Kinder sind längst erwachsen.“ Es geht darum, Gefühle ernst zu nehmen. Besser man fragt: „Ist es wichtig für dich, dass deine Kinder versorgt sind?“ Oft geht es gar nicht um Fakten, sondern um Emotionen. Und manchmal braucht es gar keine Worte. Es reicht schon, einfach da zu sein. Eine Hand zu halten. Menschen spüren dann: Ich bin nicht alleine.
Die Begleitung von Menschen mit Demenz ist sehr herausfordernd. Wie erleben Sie das im Alltag?
Jeder Tag ist anders. Wenn mehrere Bewohnerinnen und Bewohner gleichzeitig in einer schwierigen Phase sind, kann das anstrengend werden – auch für die Gruppe insgesamt. Manche haben einen starken Bewegungsdrang. Dann gehen wir mit ihnen spazieren oder versuchen, diesen Bedürfnissen Raum zu geben. Wichtig ist, nicht ständig zu sagen: „Bleib sitzen.“ Sondern zu schauen: Was braucht dieser Mensch gerade? Ich finde, das gelingt bei uns im Team wirklich gut.
Pflege bedeutet auch intime Tätigkeiten wie Waschen oder Windeln wechseln. Hatten Sie anfangs Scheu davor?
Ja, definitiv. Man dringt dabei sehr in die Privatsphäre eines Menschen ein. Während der Ausbildung habe ich mich schon gefragt, ob ich das wirklich kann. Aber mit der Zeit entwickelt man einen natürlichen und respektvollen Umgang damit. Wenn zum Beispiel eine Bewohnerin lieber von einer Frau gebadet werden möchte, dann übernimmt das eine Kollegin – und umgekehrt. Diese Flexibilität gibt es bei uns großteils.
Manchmal braucht es gar keine Worte. Es reicht schon, einfach da zu sein. Eine Hand zu halten!
Simon Atteneder
Gibt es auch digitale Unterstützungssysteme?
Ja, wir arbeiten seit Kurzem mit einem digitalen Mobilitäts-Monitoring für Patientensicherheit namens „Cogvis“. Das funktioniert mit künstlicher Intelligenz und erkennt die Personen nicht direkt, sondern nur Umrisse und Bewegungen. Wenn sich zum Beispiel jemand, der sturzgefährdet ist, im Bett aufrichtet oder stürzt, bekommen wir sofort eine Meldung auf den Pager. Gerade nachts ist das eine große Unterstützung und sorgt für mehr Sicherheit.
Was schätzen Sie an der älteren Generation besonders?
Ich möchte diesen Menschen etwas zurückgeben. Viele von ihnen haben den Krieg erlebt und unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut. Für mich ist es eine Ehre, sie in ihrem letzten Lebensabschnitt würdevoll begleiten zu dürfen. Oft habe ich das Gefühl, dass ältere Menschen in unserer Gesellschaft zu wenig Platz und Sichtbarkeit haben. Mir ist wichtig, ihnen zu zeigen: Ihr seid wichtig. Und wir sind dankbar für das, wer ihr seid und was ihr geleistet habt.
Arbeitet jemand aus Ihrer Familie im Sozialbereich?
Ja. Meine Mama, meine Schwester und mein Bruder sind ausgebildete Kindergartenpädagog:innen. Meine ältere Schwester hat dieselbe Ausbildung gemacht wie ich und war in der Familienhilfe tätig. Sie hat mich auch dazu inspiriert, diesen Ausbildungsweg zu gehen.

Was raten Sie jungen Menschen, die in die Pflege einsteigen möchten?
Probiert es einfach aus. Nur so merkt man, ob einem der Beruf wirklich gefällt. Die Praktika in den Ausbildungen sind unglaublich wichtig, weil man dabei verschiedene Bereiche kennenlernen kann.
Haben Sie jemals bereut, in die Pflege gegangen zu sein?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben ein richtig gutes Team. Es ist jung, dynamisch und sehr lebendig. Man merkt, dass sich ständig etwas weiterentwickelt. Das taugt mir total.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Ich verbringe sehr gerne Zeit mit meiner Frau, meiner Familie und meinen Freunden. Außerdem engagiere ich mich in der Christengemeinde Freistadt bei der Jugendarbeit. Das ist ein schöner Ausgleich zur Arbeit mit älteren Menschen. Ich bin aber auch gerne in der Natur – spazieren gehen, laufen oder wandern.
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