Ekaterina Slawinski: Musik ist mein Zuhause
Mit einem kleinen Koffer, den wichtigsten Dokumenten und ihrer Katze floh Ekaterina Slawinski (35) im Februar 2022 vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine Richtung Westen. Gelandet ist sie in Linz, wo sich die studierte Sängerin und Gesangspädagogin ein neues Leben aufgebaut hat.
Ekaterina Slawinski © Thomas Adam
Sie ist zart und zierlich, wirkt beinahe zerbrechlich – doch sobald Ekaterina Slawinski zu singen beginnt, ist Gänsehaut garantiert. Die Flucht vor dem Krieg führte die gebürtige Ukrainerin nach Österreich, ein Land, das ihr nicht ganz fremd war: Bereits zehn Jahre zuvor hatte sie ein Jahr lang als Austauschstudentin in Kärnten verbracht. Ihre vielversprechende Karriere als Solistin im Präsidentenorchester der Ukraine fand durch den Krieg ein abruptes Ende.
Obwohl die 35-Jährige fast alles verlor, blieb ihr das Wesentlichste: ihre Stimme und ihre tiefe Liebe zur Musik. Mit beidem hat sie sich in Oberösterreich ein neues Leben aufgebaut. Heute arbeitet Ekaterina Slawinski als Sängerin und Vocalcoach und unterrichtet an der Musikschule Linz sowie an der Volkshochschule Traun.

Ekaterina, wann haben Sie die Liebe zur Musik entdeckt? Stammen Sie aus einer musikalischen Familie?
Leider nicht. Dennoch hat Musik mein Leben von Anfang an begleitet. Laut meiner Mutter habe ich schon gesungen, bevor ich sprechen konnte (lacht). Musik war für mich immer ein Eintauchen in eine andere Welt – eine Welt, in der alles schön ist und alles leuchtet, fast wie in einem Märchen. Ich stamme aus Mariupol, einer kleinen Stadt in der Ukraine. Schon früh habe ich davon geträumt, auf der Bühne zu stehen. Österreich schien damals unendlich weit entfernt, und doch war es mein großer Traum, eines Tages in einem so schönen Land auf der Bühne zu singen.
Nach einem Abschluss mit Auszeichnung an der Musikhochschule Mariupol haben Sie in Kiew Ihr Masterstudium mit Spezialisierung auf Operngesang und Gesangspädagogik absolviert und danach als Solistin im Präsidentenorchester der Ukraine gearbeitet. Wie darf man sich das vorstellen?
Schon als Studentin habe ich in der Ukraine mit verschiedenen Orchestern zusammengearbeitet. Bei einem dieser Projekte wurde ein Dirigent auf mich aufmerksam und lud mich ein, als Solistin mit dem Präsidentenorchester der Ukraine zu arbeiten. Damit hat sich nicht nur ein Lebenstraum erfüllt, es war auch eine sehr schöne und äußerst wertvolle Erfahrung. Die Auftritte fanden im Rahmen diplomatischer Veranstaltungen statt, und das Repertoire war ebenso spannend wie vielseitig – von Oper über Pop bis hin zu Jazz und Musical.
Wie lange waren Sie als Solistin tätig?
Bis zum Beginn des Krieges. Danach war plötzlich alles vorbei.
Der Krieg hat mir sehr viel genommen, aber er
Ekaterina Slawinski
hat mir auch gezeigt, was im Leben wirklich zählt und was Menschlichkeit bedeutet.
Wie haben Sie den Beginn des Krieges erlebt?
Ich erinnere mich an die erste Rakete, die in ein Wohnhaus nur zwei Straßen weiter einschlug – es war etwa vier Uhr morgens. Dieses dumpfe Geräusch, der laute Knall, das schrille Heulen der Sirenen, all das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. In diesem Moment wurde mir klar: Nichts wird je wieder so sein wie zuvor. Die Tage danach verbrachte ich im Keller eines Kindergartens, gemeinsam mit Nachbarn – von Kleinkindern bis zu hochschwangeren Frauen. Wir schliefen auf dem Betonboden, umgeben vom Lärm der Bomben und Sirenen, ohne zu wissen, ob wir den nächsten Tag erleben würden. In dieser Zeit habe ich mir geschworen: Wenn ich das überlebe, werde ich mein Leben nie wieder auf „morgen“ verschieben. Als sich die Lage in Kiew weiter zuspitzte, gelang mir gemeinsam mit meiner Mutter nach mehreren Versuchen die Flucht in einem völlig überfüllten Zug Richtung Westen.
Wie sind Sie schließlich in Österreich gelandet?
Durch das Hilfsangebot eines Freundes kam ich nach Linz. Etwa zehn Jahre zuvor hatte ich als Austauschstudentin bereits ein Jahr in Klagenfurt verbracht – eine kurze, aber prägende Zeit, in der ich ein wenig Deutsch gelernt habe. In Linz begann für mich ein neues Kapitel. Dank engagierter Musikerfreunde konnte ich bald bei Benefizkonzerten für die Ukraine auftreten, erste Unterrichtsstunden geben und beruflich Fuß fassen. Meine Mutter ist später wieder in die Ukraine zurückgekehrt, auch weil sie dort ein Unternehmen führt.

Wo haben Sie beruflich Fuß gefasst?
Anfangs erhielt ich die Chance, an der Reimann Akademie Linz und an der Volkshochschule Traun zu unterrichten. Parallel dazu habe ich mir als Vocalcoach und Sängerin eine Selbstständigkeit aufgebaut, bevor schließlich eine fixe Stelle an der Musikschule Linz folgte. Heute bin ich Teil eines professionellen Musiknetzwerks und arbeite mit erfahrenen Musikerinnen und Musikern zusammen. Wir spielen bei Konzerten, Business-Events, Galas, hochwertigen Veranstaltungen und decken ein breites Repertoire ab. Der Stil der Musik wird natürlich immer auf das jeweilige Event abgestimmt.
Sie unterrichten an der Musikschule und arbeiten viel mit Kindern. Wie gefällt Ihnen das?
Sehr gut. Ich hatte bereits in der Ukraine mit Kindern gearbeitet. Mir ist wichtig, dass sie Freude an der Musik haben. Ich möchte keinen Druck ausüben, Musik soll etwas Positives sein. Musik hat die Kraft, Kindern neue Perspektiven zu eröffnen. Durch die Begegnung mit verschiedenen Epochen und Repertoires – von Pop bis Klassik – erweitern sie ihren Horizont und entdecken vielfältige Klangwelten.
Ich liebe Oberösterreich und bin sehr dankbar, hier in Sicherheit leben zu können.
Ekaterina Slawinski
Sie arbeiten auch als Vocalcoach. Wie darf man sich das vorstellen?
Ich arbeite mit der Complete Vocal Technique, der weltweit größten und anerkannten Gesangsmethode. Dabei geht es nicht nur um Stimmbänder und Klang, sondern um das Zusammenspiel von Stimme, Atemtechnik und Körper. Es ist ein ganzheitliches Modell, das sich nicht nur für Sängerinnen und Sänger eignet, sondern auch für Moderatorinnen und Moderatoren oder Menschen, die viel sprechen und ihre Stimme gezielt entwickeln möchten, ohne heiser zu werden. Mein Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigene stimmliche Kraft zu entdecken – auf der Bühne und im Alltag.
Sie sind sehr vielseitig. Gibt es ein Genre, das Sie besonders gerne singen?
Ich mag vieles, vor allem aber Pop. Ich bin klassisch ausgebildet und kann auch klassisch singen, doch im Pop-Genre spüre ich mehr Gefühl und mehr Energie. Dort kann ich mich am stärksten ausdrücken.
Was bedeutet es für Sie, auf der Bühne zu stehen?
Es ist meine große Leidenschaft und mein Lebenstraum. Ich fühle mich dort absolut wohl. Ich liebe die Musik und vor allem die Emotionen zwischen mir und dem Publikum. Diese Energie ist einzigartig. Für mich ist das nicht einfach ein Job, sondern pure Leidenschaft.
Haben Sie ein Vorbild auf der Bühne?
Ich schätze viele unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler, aber ein großes Vorbild war für mich immer Whitney Houston. Sie war eine außergewöhnliche Sängerin mit einer unglaublich schönen Stimme.
Was ist Ihr beruflicher Traum?
Eine bekannte Sängerin zu werden (lacht).
Die vergangenen Jahre waren von großen Herausforderungen geprägt. Wie geht es Ihnen heute?
Der Krieg und die Flucht waren eine zutiefst traumatische Erfahrung. Ein solcher Schock lässt sich nicht leicht verarbeiten. Ich hätte nie geglaubt, dass ein Krieg in unserer Zeit wirklich möglich ist. Es war die schlimmste Erfahrung meines Lebens – und gleichzeitig hat sie mich stärker gemacht.
Was hat Ihnen in dieser schwierigen Zeit am meisten Kraft gegeben?
Die Musik und die Menschen, die mich unterstützt haben. Der Krieg hat mir sehr viel genommen, aber er hat mir auch gezeigt, was im Leben wirklich zählt und was Menschlichkeit bedeutet. In Extremsituationen braucht man nicht viel. Man packt ein paar wichtige Dinge ein und geht los. Das Wichtigste sind die Menschen, die einem zur Seite stehen. Davon gab es in Österreich sehr viele. Eine davon ist Moderatorin Conny Dürnberger. Sie hat bei mir ein Coaching absolviert und ist im Laufe der Zeit zu einer wertvollen Stütze und Freundin geworden. Diese Solidarität hätte ich mir zuvor niemals vorstellen können.
Wie lange waren Sie nicht mehr in der Ukraine?
Seit Beginn des Krieges vor vier Jahren. Das ist sehr schmerzhaft, denn ich vermisse meine Familie, meine Freunde und das Gefühl von Heimat. Doch die anhaltenden Raketenangriffe machen eine Rückkehr zu gefährlich – emotional halte ich das derzeit nicht aus.
Können Sie sich vorstellen, wieder in die Ukraine zurückzugehen, wenn der Krieg zu Ende ist?
Nein. In den vergangenen Jahren habe ich mir hier sehr viel aufgebaut. Es war nicht einfach, aber ich habe es geschafft. Ich liebe Oberösterreich und bin sehr dankbar, hier in Sicherheit leben zu können. Musik ist mein Zuhause – und Österreich ist es inzwischen auch geworden.